Die Mär von der Gewaltspirale

Basler Zeitung vom Sonntag, 16. September 2012

Die Schweizer Stadien versinken in Gewalt, wird oft behauptet – stimmt aber nicht

Von Michael Schoy

Die Eishockeysaison hat soeben begonnen, bald geht die Fussballsaison weiter. Schweiss, Emotionen und grosse Momente sind garantiert. Einige weniger lichte Augenblicke muss man aber auch erwarten. Beim Gedanken an vom Pyro-Nebel verhangene Fankurven und randalierende Krawalleure mag manch einer erschauern und sich fragen, wo der heutige Sport eigentlich angekommen ist. Und er mag denken, selbst bei den alten Griechen und Römern habe noch mehr Ordnung und Disziplin geherrscht auf den Rängen als heute.

Am 13. Mai 2006 holte der FC Zürich in Basel den Meistertitel. Danach kam es zu schweren Ausschreitungen, die als die «Schande von Basel» in die Fussballgeschichte eingehen sollten. Als Reaktion darauf lud der damalige Sportminister Samuel Schmid Vertreter aus Sport und Politik zum runden Tisch gegen Gewalt im Sport. Die Petardenwürfe in den GC-Fansektor und die anschliessenden Krawalle («Schande von Zürich») letztes Jahr wurden dadurch aber nicht verhindert, der runde Tisch hatte sich schon vorher aufgelöst – die Bilanz war durchzogen gewesen.

Vorfälle von Gewalt betreffen vor allem die oberste Liga im Eishockey und im Fussball. Sie werden in der Öffentlichkeit oft wochenlang brandheiss thematisiert. Das ist die Folge der gesellschaftlichen Neigung, aus möglicherweise zufällig vorkommenden Häufungen von Ereignissen eine allgemeine Tendenz herauszulesen. Die Medien heizen die entstehende Aufregung teils gezielt an. Der Sozialwissenschaftler und Hooligan-Experte Thomas Busset von der Uni Neuenburg bestätigt das und spricht von «einem relativ undifferenzierten Bild» (siehe Interview), welches die Medien zeichnen würden. So entsteht in den Köpfen ein Bild von Schweizer Stadien im permanenten «Kriegszustand», ein Bild, das so aber nicht zutrifft.

Die Zahlen sind schleierhaft

Das Bundesamt für Polizei (fedpol) präsentiert halbjährlich die Zahlen zur Fan-Gewalt in der Schweiz. Besonders lange gibt es den Fachbereich für Hooliganismus beim fedpol allerdings noch nicht. Auch die Informationsdatenbank Hoogan, in welcher die einschlägigen Individuen registriert werden, existiert erst seit 2007. Die präsentierten Zahlen lassen sich deshalb nur schwer deuten. Gross war in jüngerer Vergangenheit jeweils der Schock, wenn sich etwa die Anzahl der in Hoogan verzeichneten Personen innert eines Jahres verdoppelte. In der Aufregung vergassen dabei manche, dass die Datenbank erst im Füllen begriffen war und die 500 «neuen» Gewalttäter keineswegs erst seit einem Jahr ihr Unwesen trieben. Zudem muss die Anzahl der Delikte in Relation zu den ständig steigenden Zuschauerzahlen gesetzt werden.

Die Daten werden erst jetzt langsam verlässlich. «Die Zahl der in Hoogan Registrierten hat sich stabilisiert, eine klare Tendenz auf- oder abwärts kann nicht abgelesen werden», sagt Thomas Gander, Geschäftsführer von Fanarbeit Schweiz. Aktuell sind rund 1 200 Personen vermerkt, 70 Prozent davon sind Fussball-, 30 Prozent Eishockeyfans. Die Statistiken des fedpol geben wieder, dass die Anzahl Verhaftungen seit 2009 leicht abgenommen hat, auch die Anzahl der Verletzten ging etwas zurück. Die Gruppe der gewalttätigen oder zu Gewalt neigenden Personen bleibt gleich gross. Die verhängten Stadion- und Rayonverbote schwanken stark.

Grosse Probleme bereitet auch die Frage, wie denn «Gewalt» im Gesetz nun eigentlich definiert werden soll. Laut Gander wurde der Begriff im Hooligan-Konkordat der Kantone ausgeweitet – es fallen auch Taten darunter, die strafrechtlich nicht relevant sein müssen. Landfriedensbruch, Beschimpfung oder das blosse Zünden eines Pyros als «Gewalttat» zu werten, ist ungewöhnlich. Und doch finden solche Vorfälle Eingang in die Gewaltstatistik und treiben die Zahlen in die Höhe. Die Behörden machen es sich recht einfach, wenn sie von einer «Zunahme der Gewaltereignisse» sprechen. Zweifel am dargestellten Ausmass von Gewalt und Zerstörungswut gab es noch an anderer Front: Anfangs dieses Jahres berichteten mehrere Medien, die SBB sollen den von randalierenden Fans verursachten Schaden in ihren Zügen massiv zu hoch ausgewiesen haben.

Deutschland tickt ähnlich

Nichtsdestotrotz geht die Entwicklung der Diskussion um Pyros und Krawalle bei Sportveranstaltungen in der Schweiz in eine ähnliche Richtung wie in Deutschland. Ende 2011 veröffentlichten die Behörden dort einen wenig alarmierenden Bericht zur Gewalt im deutschen Fussball. Im Gegensatz zu früheren Jahren sprach er nicht mehr von einem steigenden Gewaltniveau, sondern von einer tendenziellen Stabilisierung.

Innert einer Woche nach Erscheinen des Berichtes kam es dann aber gleich in mehreren deutschen Stadien zu üblen Ausbrüchen. Volks- und Medienseele kochten derart über, dass der Eindruck entstand, der Fussball in Deutschland versinke in einem Sumpf von Gewalt und Anarchie.

Hooligans schon im alten Rom

Die Politik forderte sofort «Nulltoleranz-Massnahmen». Einige Stimmen verbissen sich in die Idee, Randalierer mittels Polizei direkt aus den Fanblöcken zu holen. Bei solchen Massnahmen garantiere er, «dass es noch mehr knallt», kommentierte Konfliktforscher Gunter Pilz und sprach sich für einen wohlüberlegten Umgang mit dem heiklen Thema aus.Das Problem der Gewalt im Sport ist keineswegs ein neuzeitliches Phänomen. Denn so anders als in modernen Fussball- oder Eishockeystadien war die Stimmung in den Sport- und Kampfarenen der Antike gar nicht. Schon damals flossen Tränen, Schweiss und manchmal auch Blut: Bei den Athleten oder Gladiatoren; beim gedrängt stehenden und seinen Favoriten lautstark anfeuernden Publikum. Tatsächlich verliefen schon die Olympischen Spiele im alten Griechenland alles andere als gesittet – am allerwenigsten auf den Zuschauerrängen. So alt wie die Freude am Sport selbst ist auch das begeisterte, zuweilen fanatische Mitfiebern und Mitleiden. Wie schnell passiert es da, dass sich heissblütige gegnerische Anhänger im Eifer des Gefechts an die Gurgel wollen.

Aus dem Römischen Reich ist ein Fall aus dem Jahre 59 nach Christus dokumentiert, wonach es im Zuge von Gladiatorenkämpfen im Amphitheater von Pompeji zu wüsten Ausschreitungen zwischen den Pompejanern und den Bewohnern der Nachbarstadt kam. Die üblichen Sticheleien hatten zu Steinwürfen und diese schliesslich zum Kampf mit blanken Waffen geführt. Auf den Zuschauerrängen muss es zu einem regelrechten Gemetzel zwischen den Bewohnern der rivalisierenden Städte gekommen sein. Viele Tote, darunter Frauen und Kinder, waren die Folge. Die Pompejaner «siegten» zwar, wurden aber vom römischen Senat für das Desaster bestraft: Für volle zehn Jahre wurden die neben dem Brot ebenso wichtigen «Spiele» in Pompeji verboten.

Bagatellisierung ist fehl am Platz

Eine deutliche Steigerung der Fan-Gewalt in der Schweiz ist auf dem Papier nicht zu sehen, zumindest keine quantitative. Was aber nicht heissen soll, dass die Probleme mit Gewalt in Schweizer Stadien deshalb unterschätzt werden dürfen: Sowohl Christoph Vögeli, Chef der Zentralstelle für Hooliganismus SZH, als auch Soziologe Busset äusserten die Vermutung, dass zwar wohl die Anzahl Fälle leicht abnehme, dafür aber die Schwere der einzelnen Vorkommnisse steige. Zudem sei die Situation nicht in allen Stadien gleich, so Vögeli.

SZH-Mediensprecher Marco Cortesi sprach auch von zunehmend politischen Zügen der Fan-Gewalt. Offenbar sind die Schläger in den Stadions und jene bei Ausschreitungen an Demonstrationen zunehmend dieselben.

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