Rüge für Polizei wegen übertriebenem Rayonverbot

6. Juni 2015

Ben­ja­min Rosch, Ba­sel­land­schaft­li­che Zei­tung

Das Rayon­ver­bot ist die All­zweck­waf­fe ge­gen Fuss­ball- und an­de­re Ge­walt­tä­ter. Wel­che Ge­fah­ren der Um­gang da­mit birgt, zeigt ein ak­tu­el­ler Fall, der die Bas­ler Jus­tiz in den ver­gan­ge­nen Mo­na­ten be­schäf­tigt ha.

Im fol­gen­den Fall geht es um A., der zu­sam­men mit ein paar Freun­den am 26. März 2014 den Cup-Halb­fi­nal zwi­schen dem FC Ba­sel und dem FC Lu­zern im St. Ja­kob-Park be­such­te. Da­nach ging er di­rekt nach Hau­se, was meh­re­re Zeu­gen be­le­gen. An­ders die Dar­stel­lung zwei­er FCL-Fans. Ih­nen zu­fol­ge war A. an ei­ner Aus­ein­an­der­set­zung zwi­schen ih­nen und ei­ni­gen FCB-Fans be­tei­ligt, die am Bas­ler Bahn­hof SBB statt­ge­fun­den hat. Dort sol­len die FCB-An­hän­ger die geg­ne­ri­schen Fans zur Her­aus­ga­be ih­rer Schals ge­zwun­gen ha­ben.

Mit­hil­fe so­zia­ler Netz­wer­ke und dank ei­nes Tipps ei­nes Zeu­gen re­cher­chier­ten die bei­den, wer das ge­we­sen sein könn­te - und ka­men da­bei un­ter an­de­rem auf A. Sie reich­ten Straf­an­zei­ge ein, A. wur­de vor­ge­la­den und be­teu­er­te sei­ne Un­schuld. Ge­stützt auf die Aus­sa­gen der bei­den Ge­schä­dig­ten ver­häng­te die Bas­ler Kan­tons­po­li­zei den­noch ein Rayon­ver­bot von der Dau­er ei­nes Jah­res.

«Da­mit wur­de ihm un­ter­sagt, sich im er­wähn­ten Zeit­raum wäh­rend Sport­ver­an­stal­tun­gen (na­ment­lich an sämt­li­chen Fuss­ball- und Eis­ho­ckey­spie­len), re­spek­ti­ve sechs Stun­den vor und nach dem An­lass im Rayon ge­mäss ei­nem bei­ge­leg­ten Plan auf­zu­hal­ten», heisst es im Ur­teil des Ap­pel­la­ti­ons­ge­richts. Sämt­li­che Fuss­ball­spie­le - das be­deu­tet al­so nicht nur je­ne der ers­ten Mann­schaft des FC Ba­sel, son­dern auch vom FC Con­cor­dia, von Ju­nio­ren-Teams und Frau­en-Mann­schaf­ten. Die Sport­an­la­ge St. Ja­kob ist das gröss­te Sport­zen­trum der Schweiz. Es ver­geht kaum ein Tag im Jahr, an dem dort kei­ne Fuss­ball­spie­le ver­an­stal­tet wer­den.

Ab Ju­li und bis zum Ur­teil des Ap­pel­la­ti­ons­ge­richts vom 16. März war es al­so A. fak­tisch kaum mög­lich, ins Be­thes­da-Spi­tal, ins Gar­ten­bad oder nur schon mit dem Tram nach Mut­tenz zu ge­hen - all dies liegt in der ge­kenn­zeich­ne­ten Sperr­zo­ne. Fak­tisch lä­ge so­gar die Zug­li­nie aus Ba­sel und die Au­to­bahn in­ner­halb des Rayons. «Ich ha­be in die­ser Zeit mas­si­ve Ein­schrän­kun­gen er­lebt. Wäh­rend der Dau­er ei­nes Mo­nats muss­te ich auch in der Nä­he des Sta­di­ons ar­bei­ten - an Match­ta­gen muss­te ich des­halb frü­her nach Hau­se», sagt A. ge­gen­über der bz. A., der nie in Zu­sam­men­hang mit Fan­ge­walt auf­ge­fal­len war, er­hielt zu­dem schweiz­wei­tes Sta­di­on­ver­bot und ei­nen Ein­trag in der Hoo­li­gan-Da­ten­bank Hoo­gan.

Deut­li­che Wor­te

Die Rü­ge des Ap­pel­la­ti­ons­ge­richts fällt deut­lich aus: «Ei­ne der­art weit­ge­hen­der Ein­griff in sei­ne Be­we­gungs­frei­heit lies­se sich auch dann nicht ver­tre­ten, wenn der Ver­dacht sich er­här­ten wür­de, an be­sag­tem Vor­fall vom 26. März 2014 im Bahn­hof Ba­sel SBB, der ei­ne er­schre­cken­de Ge­walt­be­reit­schaft er­ken­nen lässt, be­tei­ligt ge­we­sen zu sein. Oh­ne­hin könn­te der Re­kur­rent wenn über­haupt nur mit ei­nem grös­se­ren Auf­wand zwei­fels­frei er­mit­teln, wann und wo Sport­ver­an­stal­tun­gen im Rayon statt­fin­den und so­mit das Ver­bot gilt.» Dies al­les, oh­ne dass ein Ur­teil in die­sem Straf­ver­fah­ren ge­gen A. rechts­kräf­tig wä­re - es wur­de noch nicht ein­mal An­kla­ge er­ho­ben.

Auch zum Rayon­ver­bot liegt kein de­fi­ni­ti­ver Ent­scheid vor, ein­zig des­sen auf­schie­ben­de Wir­kung wur­de A. nun in zwei­ter In­stanz er­mög­licht. So­gar für Aus­lands­rei­sen hat­te das Ur­teil Fol­gen. Vor den Spie­len ge­gen Lu­do­go­rets Raz­grad und Li­ver­pool wur­de über den 24-Jäh­ri­gen ei­ne Aus­rei­se­be­schrän­kung ver­hängt. In die­sem Fall ist ein Ver­fah­ren am Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt hän­gig. Es ist da­von aus­zu­ge­hen, dass die Pra­xis be­züg­lich Rayon­ver­bo­ten in Zu­kunft an­ge­passt wird: «Die Kan­tons­po­li­zei Ba­sel-Stadt prüft die­ses Ur­teil und all­fäl­li­ge Kon­se­quen­zen; die Er­kennt­nis­se wer­den in die künf­ti­ge Ar­beit ein­flies­sen», lässt Po­li­zei­spre­cher Mar­tin Schütz ver­lau­ten.

 

Webauftritt gestaltet mit YAML (CSS Framework), Contao 3.5.27 (Content Management System) und PHPList (Newsletter Engine)

Copyright © 2006-2025 by grundrechte.ch