Der E-Doktor

1. Dezember 2014

2016 wird im Kanton Zürich die elektronische Krankengeschichte eingeführt. Hauptfigur bei dieser Reform wird Urs Stoffel sein, der langjährige Präsident der Zürcher Ärztegesellschaft.

Susanne Anderegg, TagesAnzeiger

Urs Stoffel ist Chirurg, spezialisiert auf Leistenbrüche und Eingriffe im Enddarmbereich. Er hat eine Praxis im Zürcher Engequartier und operiert als Belegarzt in verschiedenen Spitälern. Früher hat er auch grosse Bauchoperationen gemacht. Doch seit seiner Ernennung zum Präsidenten der Zürcher Ärztegesellschaft (AGZ) 2002 verzichtet er darauf. Die Standespolitik nimmt viel Zeit in Anspruch, sodass Stoffel seine Arzttätigkeit reduzieren musste. Komplexe Operationen durchzuführen, bei denen ihm die Übung fehlt, fände er verantwortungslos. Es ist erwiesen, dass die Fehlerquote steigt, je seltener ein Arzt gewisse Eingriffe macht.

Als Präsident von rund 5000 Ärztinnen und Ärzten hat Urs Stoffel Vorbildfunktion. Er geht mit gutem Beispiel voran, auch was die elektronische Krankenakte anbelangt. Schon 1996, als er zusammen mit einem Kollegen seine chirurgische Praxis eröffnete, erfasste er die Krankengeschichten im Computer. Damit war er ein absoluter Vorreiter. Eine Mehrheit der Praxisärzte hält bis heute an der traditionellen Krankengeschichte auf Papier fest. Vor allem Ärzte zwischen 55 und 62 Jahren seien nicht bereit umzustellen, sagt Stoffel. «Sie sagen, es lohne sich nicht mehr.» Rückt dann allerdings der Pensionierungstermin näher, tun einige den Schritt doch noch - weil der Marktwert ihrer Praxis steigt.

Umfassende Vernetzung

Laut Stoffel ist es eine Frage der Zeit, bis die elektronische Krankenakte in allen Praxen eingeführt ist. Für junge Ärztinnen und Ärzte sei sie eine Selbstverständlichkeit. Und bei den älteren wird Stoffel in nächster Zeit vermehrt Überzeugungsarbeit leisten. Ende Jahr gibt er das Präsidentenamt ab und wird zum «Mister E-Health» der Ärztegesellschaft. Im Kanton Zürich steht ein grosses Projekt kurz vor der Umsetzung: das flächendeckende elektronische Patientendossier. Alle wichtigen Institutionen und Berufsgruppen, die mit Patienten zu tun haben, sind beteiligt: Spitäler, Pflegeheime, Spitex, Apotheker und Ärzte. Ihre Verbände haben einen Verein gegründet, die Gesundheitsdirektion koordiniert das Projekt.

Ziel ist, dass alle Fachleute, die mit ­einer Patientin zu tun haben, wichtige medizinische Informationen jederzeit abrufen können: Name und Dosierung der eingenommenen Medikamente, allfällige Allergien, Röntgenbilder und ­Laborbefunde, Austrittsberichte der Spitäler, Impfungen. Im Notfall kann das lebensrettend sein, im Normalfall erleichtert es die Kommunikation zwischen den verschiedenen Institutionen und die Arbeit der Spezialisten.

Die Daten sollen über eine Plattform ausgetauscht werden. Voraussetzung ist immer, dass der Patient oder die Patientin einverstanden sind. Sie entscheiden, ob und welche Informationen zugänglich gemacht werden. Und diese sind selbstverständlich geschützt. Weder Krankenkassen noch Arbeitgeber sollen auf sie zugreifen können. Anfang 2015 schreibt der Verein den Auftrag für den Aufbau der elektronischen Plattform aus, 2016 wird sie in Betrieb gehen.

Für Patienten freiwillig

Lange war der Kanton Zürich in Sachen E-Health passiv gewesen. Nun übernehme er eine Führungsrolle, sagt Urs Stoffel: «Wir setzen unser Projekt um, während in Bern noch über das neue ­Gesetz zum elektronischen Patientendossier diskutiert wird.» Der Ständerat hat die Vorlage im letzten Juni ohne Gegenstimme gutgeheissen, die Behandlung im Nationalrat steht noch aus.

Zürich hat die Eckwerte des Bundesgesetzes vorweggenommen, insbesondere die doppelte Freiwilligkeit: Mitmachen ist nicht nur für die Patienten freiwillig, sondern auch für die ambulant tätigen Ärzte, Apotheker und die Spitex. Spitäler und Heime dagegen müssen ein elektronisches Dossier zwingend anbieten.

In Zürich ist man zuversichtlich, dass viele mitmachen werden. «Die Vernetzung der Informationen ist ein Vorteil für die Patienten, es passieren weniger Fehler», sagt Gesundheitsdirektor Thomas Heiniger (FDP). Der Staat beteiligt sich deshalb auch an der Entwicklung der Plattform; den Betrieb müssen die Mitwirkenden dann allerdings selber ­finanzieren.

Urs Stoffel weiss aus eigener Erfahrung, dass der Aufbau eines elektronischen Patientendossiers am Anfang aufwendig ist. «Es dauert einige Zeit, aber dann wird der Nutzen für den Arzt wie für den Patienten sichtbar.»

Apps für alle Lebenslagen

Stoffel ist auch bei der Schweizer Ärzteverbindung FMH, wo er im Zentralvorstand ist, für E-Health zuständig. Dort beschäftigt er sich aktuell vor allem mit der technischen Umsetzung einer elektronischen ID für Ärzte. In Zukunft soll die Identifikation als Arzt überall auf der Welt möglich sein, indem zum Beispiel via App oder Cloud ein Zertifikat abgerufen werden kann. Apps sind in der Medizin bereits weit verbreitet. Es gibt alles: Von der Lifestyle-App, die Schritte zählt, über die Service-App, die recht­zeitig die Pille nachbestellt, bis zur Fach-App, die Röntgenbilder aus dem Spital in die Arztpraxis übermittelt.

E-Vertrauen gibt es nicht

Nur etwas gibt es nicht: eine App, die das Vertrauen in den Arzt ersetzt. Dieses sei auch in der heutigen Medizin immer noch eminent wichtig, sagt Stoffel. «Früher mussten wir dem Patienten erklären, was er hat. Heute müssen wir die ­Infos, die er bereits gefunden hat, für sein persönliches Gesundheitsproblem gewichten und ihn beraten.»

Stoffel ist zwar ein Anhänger von E-Health: «Ich glaube an die Techno­logie. Sie hilft, die Schnittstellen, die mit der zunehmenden Teilzeitarbeit in der Medizin immer zahlreicher werden, zu Nahtstellen zu machen.» Der erfahrene Arzt gibt aber zu bedenken: «Empathie und Vertrauen lassen sich wohl nie durch elektronische Gadgets ersetzen.»

Wechsel in der Ärztegesellschaft

Ende Jahr übergibt Urs Stoffel (62) das Präsidentenamt der Zürcher Ärztegesellschaft an Josef Widler (60). Widler ist bereits seit vielen Jahren im Vorstand. Der Hausarzt sitzt für die CVP im Kantonsrat und hat eine eigene Praxis in Altstetten. Dort wird er in Zukunft durch seine Tochter entlastet, die ebenfalls Ärztin ist.

Nach den Erfolgen in seiner zwölfjährigen Amtszeit gefragt, nennt Urs Stoffel zuerst die Selbstdispensation: Nach langem politischem Kampf ist es den Ärzten heute im ganzen Kanton erlaubt, Medikamente direkt abzugeben. Stoffel hat auch die Uetlibergtagung ins Leben gerufen, wo Exponenten rund um das Gesundheitswesen gesellschaftliche Entwicklungen diskutieren. Positiv vermerkt er auch, dass der Austausch zwischen der Ärzte­gesellschaft und der Medizinischen Fakultät verbessert wurde, was sich unter anderem in der Schaffung des Uni-Institutes für Hausarztmedizin niederschlug. Der Ärzte- und speziell der Hausärzte-Nachwuchs bleibt aber ein Problem, mit dem sich auch Stoffels Nachfolger wird beschäftigen müssen.

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