Ein goldener Chip und viele rote Köpfe

23. November 2012, Beobachter Ausgabe 24


Ab 2013 sind Ärz­te ver­pflich­tet, auf der elek­tro­ni­schen Ver­si­cher­ten­kar­te zu prü­fen, ob ei­ne Pa­ti­en­ten­ver­fü­gung vor­liegt. Das wird kaum ein Arzt tun kön­nen.

Die Ärz­te sind ver­är­gert und das Bun­des­amt für Ge­sund­heit (BAG) ist macht­los. Grund für die Auf­re­gung ist ein gol­de­ner Chip, der sich auf der neu­en Ver­si­cher­ten­kar­te be­fin­det, die mitt­ler­wei­le al­le Kran­ken­kas­sen ver­schickt ha­ben. Dort soll­ten das ge­sam­te me­di­zi­ni­sche Per­so­nal, Apo­the­ker und Kran­ken­kas­sen ab 2013 Not­fall­da­ten hin­ter­le­gen kön­nen, dar­un­ter auch die In­for­ma­ti­on, ob der Ver­si­cher­te ei­ne Pa­ti­en­ten­ver­fü­gung be­sitzt. Mit die­ser kann je­der schrift­lich fest­hal­ten, wel­che me­di­zi­ni­schen Mass­nah­men er wünscht, soll­te er sich ir­gend­wann nicht mehr da­zu äus­sern kön­nen. Ärz­te sind ab Ja­nu­ar 2013 ge­setz­lich ver­pflich­tet, die Kar­te auf ei­nen ent­spre­chen­den Hin­weis zu prü­fen.

Für das Le­sen und Be­schrei­ben die­ser Kar­te ist ein spe­zi­el­les Ge­rät nö­tig. Zwei Her­stel­ler bie­ten es an, doch da sie nicht den­sel­ben tech­ni­schen Stan­dard ver­wen­de­ten, ist ei­ne zu­sätz­li­che Soft­ware nö­tig, da­mit das­sel­be Ge­rät für al­le Kar­ten be­nutzt wer­den kann.

Dass es über­haupt zu die­sen un­ter­schied­li­chen Aus­füh­run­gen kom­men konn­te, ist ge­mäss ei­nem Ex­per­ten­be­richt, den das BAG in Auf­trag ge­ge­ben hat­te, auf ei­ne «un­zu­rei­chen­de Ko­or­di­na­ti­on und Zu­sam­men­ar­beit» zu­rück­zu­füh­ren. «Grund­sätz­lich ist es seit En­de Ok­to­ber tech­nisch mög­lich, die me­di­zi­ni­schen Not­fall­da­ten auf die Ver­si­cher­ten­kar­te zu spei­chern», er­klärt San­dra Schnei­der, Lei­te­rin der Ab­tei­lung Leis­tun­gen beim BAG. Doch eben nur grund­sätz­lich. Wann ge­nau die­se zu­sätz­li­che Soft­ware für die Fach­per­so­nen ver­füg­bar sein wird, kann das BAG nicht sa­gen. Um ab Ja­nu­ar nach gel­ten­dem Recht zu han­deln, müss­ten Haus­ärz­te und Spi­tä­ler so­mit zwei Ge­rä­te an­schaf­fen, um die Kar­ten bei­der Her­stel­ler be­die­nen zu kön­nen. So­bald die Soft­ware ver­füg­bar ist, wird eins der bei­den Ge­rä­te über­flüs­sig.

Wer be­zahlt für die­sen Auf­wand?

Ent­spre­chend gross ist die Ver­wir­rung in den Kan­to­nen, wie ei­ne Um­fra­ge des Be­ob­ach­ters zeigt. «Wir wis­sen erst seit Herbst, dass ei­ne sol­che Neue­rung in Kraft tritt. Es ist ab­so­lut un­mög­lich, ei­ne so ge­wich­ti­ge Ver­än­de­rung in nicht ein­mal vier Mo­na­ten um­zu­set­zen», kri­ti­siert Hans­jörg Loo­ser, Ver­ant­wort­li­cher für E-Health im Kan­ton St. Gal­len, und fasst da­mit den Te­nor der meis­ten Be­frag­ten zu­sam­men. Für ei­ne sol­che Um­stel­lung be­nö­ti­ge man ein Jahr oder län­ger. «Die elek­tro­ni­schen Ver­si­cher­ten­kar­ten wur­den bis­her aus­schliess­lich für ad­mi­nis­tra­ti­ve Zwe­cke be­nutzt. Wer­den sie nun zu­sätz­lich für me­di­zi­ni­sche Ab­läu­fe re­le­vant, müs­sen wir die­se Pro­zes­se ge­nau pla­nen, um iden­ti­fi­zie­ren zu kön­nen, wer wann wo ein sol­ches Ge­rät be­nö­tigt», er­klärt Loo­ser. Schliess­lich müs­se al­les bud­ge­tiert wer­den.

Marc Mül­ler, Prä­si­dent der Haus­ärz­te Schweiz, sieht ein wei­te­res Pro­blem. «Ge­ra­de mal 15 Pro­zent der Haus­ärz­te füh­ren heu­te elek­tro­ni­sche Kran­ken­ge­schich­ten. Es ist ei­ne Il­lu­si­on, dass die Haus­ärz­te ab 2013 da­zu in der La­ge sein wer­den, die­se Ver­si­cher­ten­kar­ten zu be­schrei­ben», er­klärt Mül­ler. Auch bei ihm sei die In­for­ma­ti­on über die­se Neue­rung erst in den letz­ten Wo­chen durch­ge­si­ckert. Je­doch sei­en we­der die Ent­schä­di­gung für die­sen Auf­wand noch die Ver­ant­wort­lich­keit für die Da­ten oder In­for­ma­tio­nen zum Ab­lauf kom­mu­ni­ziert wor­den. «So­fern nicht al­le Haus­ärz­te in den nächs­ten Wo­chen ein sol­ches Ge­rät vom BAG zu­ge­schickt be­kom­men, wird am 1. Ja­nu­ar über­haupt nichts pas­sie­ren. Das Gan­ze ist ein Schnell­schuss: Der Bun­des­rat muss das un­be­dingt auf Eis le­gen, so­lan­ge es so vie­le Un­klar­hei­ten gibt», hält Mül­ler fest.

Auch das Bun­des­amt für Jus­tiz spielt den Ball zu­rück und er­klärt: «Die Kan­to­ne sind be­reits seit Jah­ren über die Än­de­run­gen des Rechts in­for­miert.» Das BAG nimmt die Ver­wir­rung bei den Ärz­ten zwar zur Kennt­nis, kann al­ler­dings auch kei­ne Lö­sung bie­ten. «Wir be­mü­hen uns dar­um, dass die­se Soft­ware mög­lichst bald ein­satz­be­reit ist», er­klärt San­dra Schnei­der vom BAG. Auf die Fra­ge, wie die Ärz­te ab Jah­res­wech­sel kon­kret mit dem nicht prak­ti­ka­blen Ge­set­zes­ar­ti­kel um­ge­hen sol­len, weiss das BAG al­ler­dings auch kei­ne Ant­wort. Da­für sei­en die Leis­tungs­er­brin­ger und nicht das BAG zu­stän­dig.

Aus Sicht der Ärz­te ist die Kar­te «nicht sinn­voll»

Die­se Hal­tung sorgt bei den Ärz­ten für ro­te Köp­fe. Hans­pe­ter Kuhn von der Ver­bin­dung der Schwei­zer Ärz­tin­nen und Ärz­te (FMH) steht der Ein­füh­rung der Ver­si­cher­ten­kar­ten sehr kri­tisch ge­gen­über: «Auch wenn die tech­ni­schen Pro­ble­me der­einst be­ho­ben sein soll­ten, ist es aus Sicht der Ärz­te­schaft nicht sinn­voll, dass Pa­ti­en­ten me­di­zi­ni­sche Da­ten auf den Chip la­den las­sen.» Weil mit ei­ner iso­lier­ten Chip­kar­ten­lö­sung Ak­tua­li­tät und Voll­stän­dig­keit nicht si­cher­ge­stellt wer­den könn­ten, wer­de die Si­cher­heit der Pa­ti­en­ten ge­fähr­det. Die ein­fachs­te und si­chers­te Lö­sung be­steht ge­mäss Kuhn nach wie vor dar­in, ein Ex­em­plar der Pa­ti­en­ten­ver­fü­gung im Porte­mon­naie zu tra­gen und je ei­ne Ko­pie beim Haus­arzt so­wie ei­ner Ver­trau­ens­per­son zu de­po­nie­ren. «Sinn­vol­ler­wei­se wür­de der ent­spre­chen­de Ar­ti­kel zur Ver­si­cher­ten­kar­te bald wie­der aus dem Ge­setz ge­stri­chen», fin­det Kuhn.

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