Geheimdienstchef Markus Seiler aufs Handy anrufen - ein Kinderspiel

28. Oktober 2012, «Sonntag»

Strategieprofessor kritisiert den Nachrichtenchef des Bundes und bezeichnet ihn als Sicherheitsrisiko

Von Beat Kraushaar und Peter Burkhardt

Sofort nach ihrer Wahl erhalten alle neu gewählten Bundesräte eine neue Nummer für ihr mobiles Telefon. Ausgerechnet beim Chef des Schweizer Geheimdienstes, Markus Seiler, ist das nicht der Fall. Mit ein paar Mausklicks findet man seine aktuelle Handynummer im Internet.

Bei einem Testanruf nimmt niemand ab. Doch fünf Minuten später klingelt es auf der Redaktion. Am Apparat: der Informationsdienst des Nachrichtendienstes des Bundes (NDB). «Sie haben versucht, Herrn Seiler zu erreichen. Wie können wir Ihnen helfen?»

Mit dem Rückruf ist klar: Der Geheimdienstchef benutzt immer noch die gleiche Nummer, die er schon als Generalsekretär des damaligen Bundesrats Samuel Schmid besass. Dies wird von seinem Sprecher bestätigt.

Anfrage bei der Bundeskanzlei in Bern: Wer ist für die Sicherheitsmassnahmen bei einem neu gewählten Nachrichtenchef zuständig'? «Für den Direktor NDB wird die Bedrohungsanalyse, wie bei den Bundesräten, vom Bundessicherheitsdienst erstellt», sagt Kommunikationschefin Ursula Eichenberger. Dieser ist beim Bundesamt für Polizei angesiedelt. «Für die Umsetzung der Sicherheitsmassnahmen ist das Departement für VBS zuständig.»

Welche Massnahmen getroffen werden, darüber wird keine Auskunft gegeben, Dass eine neue Handynummer zwingend dazugehört, scheint in einem Dienst, der seinen Personalbestand geheim hält, sich über den genauen Einsatz seiner Geldmittel ausschweigt und Mitarbeiter mit Tarnidentitäten ausstattet, logisch. Warum dies bei Seiler nicht der Fall ist, lässt die Frage offen, ob das VBS sich um die Umsetzung der Sicherheitsmassnahmen des Bundessicherheitsdienstes hinwegsetzte.

Was sagt Strategie- und Sicherheitsprofessor Albert A. Stahel dazu. dass der mobile Anschluss des Schweizer Geheimdienstchefs so einfach im Netz zu finden ist? Stahel geht mit Seiler hart ins Gericht. «Eine solche Fahrlässigkeit darf nicht sein. Seiler wird so selber zu einem Sicherheitsrisiko», sagt Stahel.

Er nennt die konkreten Gefahren, die durch die öffentlich zugängliche Handynummer lauern, «Technisch ausgerüstete Organisationen könnten dadurch die Möglichkeit erhalten, das Handy des Geheimdienstchefs jederzeit zu erfassen. Eine Ortung würde es ermöglichen, seinen Standort zu erkennen. So könne man ihn observieren und heraus finden, mit wem er sich trifft. «Nach dem erfolgten Diebstahl der Daten durch einen Mitarbeiter dürfte dies der nächste Skandal sein, so Stahel.

Wegen des Datenklaus, dem fahrlässigen Umgang mit der Handynummer sowie den durch den «Sonntag» letzte Woche publik gemachten Nebenämtern und der Kandidatur als FDP-Gemeinderat von Spiez kommt Seiler zunehmend unter Druck. Neben seinem Hauptberuf amtet er unter anderem als Vizepräsident der FDP Spiez. Zudem präsidiert er die Finanzkommission des reformierten Kirchenrats von Spiez und sitzt in dessen Personalkommission.

Stahel fragt sich, wie lange Verteidigungsminister Ueli Maurer dem Treiben seines Nachrichtendienstchefs noch zuschaut. Es dürfe nicht sein, dass dieser Bereich von jemandem geführt wird, «der diese Aufgabe nicht ernst nimmt». Für Stahel hat die oberste Sicherheit Priorität. Dazu gehöre auch, dass ein Nachrichtenchef möglichst wenig in Erscheinung tritt.

Markus Seiler schweigt zu dieser Kritik. Er gebe keine Auskunft, sagt seine Medienstelle.

In einem Interview kurz nach seiner Ernennung im Jahr 2009 sagte er auf die Frage, wie hoch er das Risiko schätze, im Umfeld eines Skandals abtreten zu müssen: «Es ist Teil meines Jobs, im Extremfall die Verantwortung für fragwürdige Vorgänge zu übernehmen, selbst wenn ich nichts damit zu tun habe.» Dieses Risiko sei aber klein, weil der Geheimdienst so seriös arbeite.

 

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