Offener Brief zum neuen Nachrichtendienstgesetz

12. März 2015

Schüt­zen wir Frei­heit und Pri­vat­sphä­re vor der Mas­sen­über­wa­chung

Am 16. und 17. März wird der Na­tio­nal­rat über das neue Nach­rich­ten­dienst­ge­setz be­fin­den. Die Di­gi­ta­le Ge­sell­schaft, Am­nes­ty In­ter­na­tio­nal und die Stif­tung für Kon­su­men­ten­schutz SKS kri­ti­sie­ren die Ka­belauf­klä­rung und die ver­dachts­un­ab­hän­gi­ge Mas­sen­über­wa­chung als un­ver­hält­nis­mäs­si­ge Ein­grif­fe in die Grund­rech­te.

Mit dem neu­en Nach­rich­ten­dienst­ge­setz soll ei­ne Rei­he neu­er Mass­nah­men für die Über­wa­chung ein­ge­führt wer­den. Ein be­son­ders heik­ler Punkt ist die Ka­belauf­klä­rung, die bis­her kaum öf­fent­lich dis­ku­tiert wur­de. Die Ka­belauf­klä­rung wür­de dem Nach­rich­ten­dienst des Bun­des er­mög­li­chen, «grenz­über­schrei­ten­de Si­gna­le aus lei­tungs­ge­bun­de­nen Net­zen zu er­fas­sen». Das heisst, der Nach­rich­ten­dienst könn­te al­le Da­ten­strö­me an­zap­fen, die von der Schweiz ins Aus­land flies­sen. Da der Gross­teil der In­ter­net­ak­ti­vi­tä­ten in der Schweiz über das Aus­land statt­fin­det, wä­ren al­le von die­ser Über­wa­chung be­trof­fen. Der Nach­rich­ten­dienst hät­te nicht «bloss» auf Me­ta­da­ten Zu­griff, son­dern auf sämt­li­che In­hal­te der elek­tro­ni­schen Kom­mu­ni­ka­ti­on wie Mails, Such­an­fra­gen oder In­ter­net-Te­le­fo­nie.

Die Ka­belauf­klä­rung stellt ei­ne Form der ver­dachts­un­ab­hän­gi­gen Über­wa­chung dar. Mit Such­be­grif­fen wird der ge­sam­te Da­ten­strom ab­ge­scannt, über sämt­li­che Da­ten wird ei­ne Ras­ter­fahn­dung voll­zo­gen und so nach der Na­del im Heu­hau­fen ge­sucht. Dies führt un­wei­ger­lich zu sehr vie­len Falschtref­fern und un­schul­dig ver­däch­tig­ten Per­so­nen. Ei­ne ver­dachts­un­ab­hän­gi­ge Mas­sen­über­wa­chung ist un­recht­mäs­sig und mit ei­nem de­mo­kra­ti­schen Rechts­staat nicht zu ver­ein­ba­ren.

Die ver­dachts­un­ab­hän­gi­ge Mas­sen­über­wa­chung kol­li­diert mit meh­re­ren Grund­rech­ten aus der Bun­des­ver­fas­sung und der Eu­ro­päi­schen Men­schen­rechts­kon­ven­ti­on (EM­RK). Ne­ben dem Recht auf Schutz der Pri­vat­sphä­re und dem Fern­mel­de­ge­heim­nis sind auch die freie Mei­nungs­äus­se­rung und die Un­schulds­ver­mu­tung be­trof­fen. Im Um­gang mit Ärz­ten, Rechts­an­wäl­tin­nen, Pfar­rern und Jour­na­lis­tin­nen sind aus­ser­dem die Ver­schwie­gen­heits­pflich­ten so­wie der Quel­len­schutz ge­fähr­det.

Die ge­plan­te Ka­belauf­klä­rung in der Schweiz er­in­nert an das Pro­gramm Tem­po­ra des bri­ti­schen Ge­heim­diens­tes GCHQ, des­sen Aus­mass vom Whist­leb­lo­wer Ed­ward Snow­den ent­hüllt wur­de. Tem­po­ra hat die Ka­pa­zi­tät, den ge­sam­ten In­ter­net­ver­kehr für dreis­sig Ta­ge zu spei­chern. Tech­nisch sind der Über­wa­chung und Da­ten­samm­lung heu­te kaum mehr Gren­zen ge­setzt. Um­so mehr braucht es po­li­ti­sche Ent­schei­de zum Schutz der Grund­rech­te.

Die im Nach­rich­ten­dienst­ge­setz vor­ge­se­he­nen Ein­schrän­kun­gen und Kon­trol­len der Ka­belauf­klä­rung schrän­ken zwar die Ver­wen­dung der ge­won­ne­nen In­for­ma­tio­nen et­was ein. Aber das än­dert nichts an der Tat­sa­che, dass die Da­ten­strö­me an­ge­zapft und ab­ge­scannt wer­den.

Die Di­gi­ta­le Ge­sell­schaft, Am­nes­ty In­ter­na­tio­nal und die Stif­tung für Kon­su­men­ten­schutz SKS ru­fen den Na­tio­nal­rat auf, sich ge­gen die Ka­belauf­klä­rung aus­zu­spre­chen und bei al­len Über­wa­chungs­mass­nah­men dar­auf zu ach­ten, dass die Ver­hält­nis­mäs­sig­keit ge­wahrt wird, die sich zwin­gend aus der Bun­des­ver­fas­sung und der Eu­ro­päi­schen Men­schen­rechts­kon­ven­ti­on er­gibt.

Un­se­re Grund­rech­te dür­fen nicht der Über­wa­chung ge­op­fert wer­den. Die Ka­belauf­klä­rung ist ein Mit­tel, auf das ein frei­es und de­mo­kra­ti­sches Land ver­zich­ten muss.

 

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