Reisesperre für die Agenten des Nachrichtendienstes

14. Mai 2017

Tho­mas Knell­wolf, Ma­rio Stäu­b­le und Mar­tin Stoll, Sonn­tags­Zei­tung

Meh­re­re Schwei­zer Ge­heim­dienst­mit­ar­bei­ter ge­trau­en sich nicht mehr ins Aus­land, nach­dem ih­re Na­men in der Spio­na­ge­af­fä­re be­kannt wur­den.

Die Ver­haf­tung des Schwei­zer Agen­ten Da­ni­el M. in Deutsch­land hat ers­te ne­ga­ti­ve Fol­gen für den Nach­rich­ten­dienst des Bun­des (NDB). Meh­re­re Mit­ar­bei­ter wa­gen sich nicht mehr in den Schen­gen­raum. Sie müs­sen fürch­ten, dass sie eben­falls hin­ter Git­ter kom­men oder zu­min­dest an­ge­hal­ten und ver­hört wer­den.

Als Vor­sichts­mass­nah­me hat der Schwei­zer Ge­heim­dienst es zum Teil so­gar Füh­rungs­per­so­nen un­ter­sagt, ins Aus­land zu rei­sen. Ins­be­son­de­re die Bun­des­re­pu­blik wird ge­mie­den.

Be­trof­fen von der Rei­se­sper­re ist auch ei­ner der NDB-Vi­ze­di­rek­to­ren, Paul Zin­ni­ker. Der Na­me des frü­he­ren Be­rufs­schul­leh­rers taucht im Haft­be­fehl ge­gen Da­ni­el M. auf. Die­ser Haft­be­fehl, aus­ge­stellt vom Bun­des­ge­richts­hof in Karls­ru­he, be­ruht auf Ver­hör­pro­to­kol­len aus der Schweiz. In Be­fra­gun­gen bei der Bun­des­kri­mi­nal­po­li­zei in Bern hat­te M. An­fang 2015 preis­ge­ge­ben, dass er Zin­ni­ker ein­mal am Flug­ha­fen Zü­rich ge­trof­fen ha­be. M., der zu­vor meh­re­re Jah­re als frei­er Spi­on für den Bund agiert hat­te, sag­te wei­ter aus, der Ex-Chef des schwei­ze­ri­schen Aus­land­ge­heim­diens­tes und heu­ti­ge NDB-Vi­ze ha­be ihn ken­nen ler­nen wol­len.

Nicht nur recht­mäs­sig, son­dern un­ver­meid­lich

Den Staats­schutz­er­mitt­lern der Bun­des­re­pu­blik lie­gen die ent­spre­chen­den Ver­hör­ak­ten aus der Schweiz vor, weil sie die Bun­des­an­walt­schaft deut­schen Ex-Spio­nen zu­ge­stellt hat, ge­gen die sie er­mit­telt. Ei­ner da­von, Agen­ten­le­gen­de Wer­ner Mauss, hat die Un­ter­su­chungs­ak­ten bei ei­nem deut­schen Ge­richt ein­ge­reicht. Da­mit wur­de die Schwei­zer Ge­heim­mis­si­on ge­gen Steu­er­fahn­der aus Nord­rhein-West­fa­len der deut­schen Spio­na­ge­ab­wehr be­kannt.

Die Bun­des­an­walt­schaft wird da­für nun scharf kri­ti­siert. Sie ver­tei­digt sich da­mit, die Ak­ten­her­aus­ga­be an die Be­schul­dig­ten aus der Ge­heim­dienst­sze­ne in Deutsch­land und auch in Is­ra­el sei nach Schwei­zer Straf­pro­zess­ord­nung nicht nur recht­mäs­sig, son­dern un­ver­meid­lich ge­we­sen. Auf Schwär­zun­gen wur­de ver­zich­tet. Die Ak­ten­ein­sicht hat nun nicht nur schwe­re Fol­gen für Da­ni­el M., der in Mann­heim in U-Haft sitzt, son­dern schränkt auch die Ar­beit des NDB er­heb­lich ein.

Be­trof­fen sind wich­ti­ge Mit­ar­bei­ter der Ab­tei­lung Be­schaf­fung, die von Zin­ni­ker ge­lei­tet wird. Vor- und Nach­na­men und Funk­tio­nen von fünf NDB-Agen­ten ge­hen aus den Ver­hör­un­ter­la­gen her­vor. Nur der klei­ne­re Teil sind Tarn­na­men. M. hat­te bei der Bun­des­kri­mi­nal­po­li­zei in Bern in Grund­zü­gen of­fen­ge­legt, wie ihn die Ge­nann­ten an­ge­wie­sen hät­ten, deut­sche Steu­er­fahn­der aus­zu­spio­nie­ren und ei­nen Maul­wurf in die Steu­er­fahn­dung von Nord­rhein-West­fa­len ein­zu­schleu­sen. Ins­ge­samt ha­be er für Ge­heim­mis­sio­nen vom NDB fast 80,000 Fran­ken er­hal­ten. Der NDB woll­te zu den Rei­se­sper­ren und an­de­ren Fra­ge zur Spio­na­ge­af­fä­re kei­ne Stel­lung neh­men. Meh­re­re von­ein­an­der un­ab­hän­gi­gen Quel­len be­stä­ti­gen aber die Mass­nah­me.

Auch die Schweiz setz­te schon Spi­on in Haft

Die Ge­heim­diens­te der Schweiz und Deutsch­lands gel­ten prin­zi­pi­ell als «be­freun­det», das heisst, sie tau­schen In­for­ma­tio­nen gross­zü­gig aus. Trotz­dem ist es bei Ver­stös­sen ge­gen Ho­heits­rech­te im­mer wie­der zu schar­fen Sank­tio­nen ge­kom­men, auch von der Schweiz. So ver­haf­te­te die Bas­ler Po­li­zei 1998 ei­nen deut­scher Ver­fas­sungs­schüt­zer, der un­ter dem Deck­na­men «Pe­ter Gol­ler» über Sci­en­to­lo­gy re­cher­chiert und bei ei­nem Tref­fen der Or­ga­ni­sa­ti­on die Au­to­num­mern deut­scher Teil­neh­mer no­tiert hat­te. Der deut­sche Spi­on wur­de zu ei­ner 30-tä­gi­gen Haft­stra­fe ver­ur­teilt.

Im Jahr 2000 wur­de ruch­bar, dass ös­ter­rei­chi­sche Zoll­fahn­der hin­ter dem Rü­cken der Schwei­zer Be­hör­den im Schmugg­ler­mi­lieu spio­niert hat­ten. Die Schweiz leis­te­te da­mals ins­be­son­de­re beim Zi­ga­ret­ten­schmug­gel nur man­gel­haft Amts- und Rechts­hil­fe. Dies be­scher­te den Nach­bar­län­dern mil­li­ar­den­schwe­re Steu­er­ver­lus­te. Auch Ös­ter­reich un­ter­sag­te ih­ren in die Spio­na­ge ver­wi­ckel­ten Fahn­dern da­mals Rei­sen in die Schweiz.

 

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