So tricksen IS-Terroristen die Geheimdienste im Westen aus

16. Juni 2015

Auch der Schwei­zer Nach­rich­ten­dienst sucht das Heil in der Mas­sen­über­wa­chung von Funk und In­ter­net. Was es bringt, ist um­strit­ten. US-Me­di­en­be­rich­te ent­hül­len nun: Die Top­ka­der des Is­la­mi­schen Staats kom­mu­ni­zie­ren ana­log – oh­ne elek­tro­ni­sche Spur.

von Ste­fan Schmid, Nord­schweiz

Wer wis­sen will, wie die si­zi­lia­ni­sche Co­sa Nos­tra funk­tio­niert, muss An­drea Ca­mil­le­ris Er­zäh­lung «M wie Ma­fia» le­sen. Bis zu sei­ner Ver­haf­tung 2006 war Ber­nar­do Pro­venz­a­no un­an­ge­foch­te­ner Boss der si­zi­lia­ni­schen Ma­fia. Über 40 Jah­re lan­ge di­ri­gier­te er aus dem Un­ter­grund die Ak­tio­nen sei­ner Ge­folgs­leu­te. Pro­venz­a­no kom­mu­ni­zier­te über Zet­tel, so­ge­nann­te «piz­zi­ni». Mehr als 200 fan­den die Fahn­der, teil­wei­se mit der Hand ge­schrie­ben, teil­wei­se mit Schreib­ma­schi­nen, säu­ber­lich ge­knickt und mit Te­sa­film ver­sie­gelt – von der Er­laub­nis zu hei­ra­ten, über ver­klau­su­lier­te To­des­ur­tei­le, bis hin zur schlich­ten Fest­stel­lung, wen er un­ter­stützt.

IS schickt Frau­en vor

Ähn­lich wie der le­gen­dä­re Ma­fio­so kom­mu­ni­zie­ren laut Be­rich­ten in ver­schie­de­nen US-ame­ri­ka­ni­schen Me­di­en von ver­gan­ge­ner Wo­che auch die Top­ka­der des Is­la­mi­schen Staats (IS) in Sy­ri­en und Irak – und füh­ren auf die­se Wei­se west­li­che, vor­ab ame­ri­ka­ni­sche Ge­heim­diens­te an der Na­se her­um. Der CIA ist es of­fen­bar ge­lun­gen, an Da­ten über die Kom­man­do­struk­tur des IS her­an­zu­kom­men.
Ge­mäss die­sen In­for­ma­tio­nen soll IS-An­füh­rer Abu Ba­kr al-Bagh­da­di, um sei­nen ge­hei­men Stand­ort nicht zu ver­ra­ten, auf jeg­li­che elek­tro­ni­sche Kom­mu­ni­ka­ti­on ver­zich­ten. Nur vier Emi­re (Be­fehls­ha­ber) sol­len Zu­gang zum selbst er­nann­ten Ka­li­fen ha­ben. Al­ler­dings nur in­di­rekt und im­mer oh­ne Lap­top, Han­dy oder an­de­re elek­tro­ni­sche Uten­si­li­en. Ein Ge­sicht-zu-Ge­sicht-Aus­tausch fin­de nicht statt, aus­ge­wähl­te Bo­ten über­mit­teln die Be­feh­le. Die Be­fehls­aus­ga­ben fin­den nur auf An­ord­nung des Ka­li­fen statt. Re­gel­mäs­si­ge Sit­zun­gen sind ta­bu.

Was der IS-An­füh­rer vor­lebt, gilt of­fen­bar auch auf tie­fe­ren Hier­ar­chie­stu­fen: An­statt von der Ira­ki­schen oder Sy­ri­schen Ar­mee er­beu­te­te Mit­tel ein­zu­set­zen – et­wa Kurz­wel­len- oder UKW-Funk­ge­rä­te oder auch Sa­tel­li­ten­te­le­fo­ne – schi­cken die IS-Kom­man­dan­ten ih­re Frau­en mit Zet­teln zu an­de­ren Kom­man­da­ten, um Be­feh­le zu über­mit­teln.

Dies zeigt: Der IS und sei­ne Ab­le­ger wis­sen, dass sämt­li­che elek­tro­ni­sche Mit­tel ab­ge­hört und aus­ge­wer­tet wer­den und agie­ren ent­spre­chend vor­sich­tig. Die Ex­tre­mis­ten er­hal­ten kei­nen kon­kre­ten Be­fehl, wann und wo sie ei­nen An­schlag aus­füh­ren sol­len. Die Zel­len ope­rie­ren au­to­nom und füh­ren die Ak­tio­nen oh­ne sicht­ba­re An­wei­sun­gen von oben aus.

Ein von der «Nord­west­schweiz» an­ge­frag­ter Auf­klä­rungs­ex­per­te hält die Be­rich­te in den US-Me­di­en für plau­si­bel. An­statt im In­ter­net An­schlä­ge im Wes­ten zu pla­nen, könn­te in ge­hei­men Ter­ror­camps auch ver­mit­telt wer­den, was zu tun sei, wenn die­se oder je­ne Post­kar­te ein­tref­fe. Ein an­de­res Mit­tel wä­re auch, of­fi­zi­el­le Aus­sen­dun­gen zu be­nut­zen. Ein von den TV-Sta­tio­nen im Na­hen Os­ten über Sa­tel­lit in ganz Eu­ro­pa ver­brei­te­ter Main­stream­bei­trag könn­te ei­ne In­for­ma­ti­on ent­hal­ten, wel­che ko­or­di­nier­te ter­ro­ris­ti­sche Ope­ra­tio­nen aus­lö­sen. Mit elek­tro­ni­scher Auf­klä­rung kön­ne dies we­der ent­deckt noch ver­hin­dert wer­den.

Für die­se Stra­te­gie gibt es his­to­ri­sche Bei­spie­le: So strahl­te BBC Lon­don am 5. Ju­ni 1944 das Herbst­ge­dicht von Paul Ver­lai­ne aus, um die Résis­tan­ce in Frank­reich über die un­mit­tel­bar be­vor­ste­hen­de In­va­si­on der Al­li­ier­ten zu in­for­mie­ren. Die Na­zis sa­hen sich in der Fol­ge mit zahl­rei­chen Sa­bo­ta­ge­ak­ten kon­fron­tiert.

 

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