So wirbt der Schweizer Geheimdienst seine Spitzel

12. August 2013

So wirbt der Schweizer Geheimdienst seine Spitzel

Agenten des Bundes bleiben hartnäckig, wenn jemand Informationen nicht preisgeben will. Dies zeigt eine Abschrift eines Gesprächs mit einem Basler Islamisten.

Transkript: Sibylle Scheibli. Bearbeitung: Thomas Knellwolf

Ende Oktober treten zwei Agenten des Dienstes für Analyse und Prävention (DAP; heute: Nachrichtendienst des Bundes) auf dem Berner Bahnhof an den kurdischen Flüchtling K. T. heran. T., der in Basel lebt, wartet auf den Anschlusszug nach Freiburg, wo er damals studierte. Von seinem rund halbstündigen Gespräch mit dem Geheimdienstler (G1), der sich «Johann» nennt, und dessen Begleiter (G2) existiert eine Aufnahme, welche das Vorgehen des Geheimdienstes bei der Spitzelanwerbung zeigt.

Der Dialog wird zur besseren Lesbarkeit leicht bearbeitet und - vor allem bei inhaltlichen Wiederholungen - stark gekürzt veröffentlicht.

Durchsage: Gleis 3, Einfahrt des Intercity nach Freiburg, Romont, Lausanne, Genf, Genf - Flughafen, Abfahrt 9.06, 1. Klasse Sektor B, 2. Klasse Sektor B und C.

G1: Hoi, wie geits der?

T.: Guet, guet.

G2: Tschau, wie geits?

T: Nicht schlecht ...

Der Zug fährt ein.

G2: Heute pünktlich Zug, hä?

G1: Wollen wir miteinander sprechen?

T: Nein.

G1: Ja, komm jetzt! Hast du dich beruhigt, hä? (Das vorhergehende dritte Anwerbungsgespräch hatte mit einem Eklat und im Streit geendet.)

T: Ich bin immer in Ruhe.

G1: Bist immer in Ruhe. Gehen wir mit Zug zusammen?

T: Nein. (...) Ich muss Aufgaben machen, ich muss lesen.

G1: Geht gut mit Schule? Ist streng, hä? Gut heute, aber heute ist langer Mittag, ja. Für Aufgabe. (...) Ja, aber hör jetzt. Aber sollen wir, wollen wir im Restaurant sprechen? Gehen wir Mittagessen heute?

T: Nein, ich habe keine Zeit.

G1: Wann hast du Zeit?

T: Ich habe einfach keine Zeit für diese Sache, ich muss meine Schule machen.

G2: Weisst du, manchmal muss man Zeit machen für etwas. Für wichtige Sachen muss man sich einfach Zeit machen.

G1: Komm wir gehen 1. Klasse, da können wir besser sprechen, mehr Platz.

T: Nein, nein, ich kann nicht.

G1: Doch, mit uns ist das okay.

T: Nein, danke.

Die beiden Geheimdienstler folgen K. T. Alle drei steigen ein. Sie setzen sich in die 2. Klasse.

G1: Wann würde es dann gehen? Samstag? Sonntag? Hä?

T: Nein.

G2: Wieso nicht? Nicht einmal zwei Stunden? Da sind wir ...

T: Wissen Sie, einfach, ich will nicht Spitzel machen. Ich will nicht Spitzel sein. Verstehen Sie?

G2: Das bist du nicht, nein, nein. Wir wollen nur zusammen sprechen, das hat nichts mit Spitzel zu tun. Aber wenn du ...

T: Weisst du, was ist meine Frage? Warum machen Sie das nicht schriftlich? Laden Sie mich schriftlich, ich komme mit zwei Stunden, ein Jahr (lang) sprechen wir zusammen. - Aber das ist nicht normal, das ist nicht gesetzlich, wissen Sie, das ist nicht gesetzlich.

G1: Wenn du andere Leute auf der Strasse trifft, sprichst du auch manchmal mit Leuten, oder?

T: Ja, aber wissen Sie ...

G1: ... verstehst du mich, wir wollen mit dir sprechen. Wir werden wieder zusammen sprechen, aber wir wollen einmal in Ruhe mit dir sprechen, und es geht dir viel besser und es geht uns viel besser, wenn wir einmal Zeit haben zusammen. Weisst du, wir wollen dir ja nicht im Wege stehen mit deiner Schule.

(...)

Durchsage:

Das Zugteam der SBB begrüsst Sie im Intercity nach Freiburg, Romont, Palézieux, Lausanne, Genf, Genf-Flughafen und wünscht Ihnen eine angenehme Reise.

T: ... wissen Sie, diese Sache, Sie machen es nicht gesetzlich, nein. Ich habe meinen Anwalt gefragt - das ist nicht gesetzlich.

G1 (erstaunt): Einen Anwalt?

T: Ja, ich habe Anwalt, wissen Sie, diese Woche mein Anwalt kommt zu Ihnen, mein Anwalt kommt zu Ihnen, er spricht mit Ihnen. Herr Z. (von der Uni Fribourg) hat mit dem Direktor von der Polizei oder von - wie heisst es? (unverständlich) - gesprochen. Ich habe mit der Polizei Basel gesprochen über dieses Problem und sie haben gesagt, Sie dürfen nicht das machen. (...)

G2: Wir sind von Bern - vom Bund.

T: Ich weiss, ich weiss, Sie sind vom Bund. Aber wenn Sie etwas wollen von mir, können Sie schriftlich schreiben, ich komme zu Ihnen. Was haben Sie für eine Frage? Ich antworte Ihnen. Gut. Aber diese Sache ist nicht normal. Auf der Strasse mich aufhalten, im Zug mitkommen und mich unterdrücken, das ist nicht gesetzlich, verstehen Sie, das ist nicht normal.

G1: Wir drücken nicht.

T: Doch, doch, doch!

G1: Nein.

T: Johann, haben Sie letztes Mal vergessen. «Wir schicken dich zurück nach Irak.» Das haben Sie gesagt.

G1: Wir schicken zurück nach Irak?

T: Ja. Wenn Sie vergessen, über was wir sprechen ...

G2: ... schau, Johann. (alle lachen, weil G2 T. mit dem angeblichen Vornamen von G1 anspricht)

T (spasst): Er macht Lehre, er macht Lehre, oder?

G1 (versteht den Scherz nicht): Er macht Lehre?

T: Ja, er macht Lehre bei Ihnen, oder?

G1 (versucht auch zu scherzen): Wir müssen auch Schule machen, weisst du. (...)

T: Diese Sache ist ein Theater in der Schweiz, verstehen Sie.

G1: Denkst du?

G1: Oder schau, K., wir haben bewusst dich nicht eingeladen für eine Besprechung im Büro, weil wir wollen dir auch die Gelegenheit geben, offen zu sprechen, nicht mit Protokoll, nicht mit offiziellem Büro (...). Vielleicht willst du ja auch nicht, dass deine Kollegen, Verwandten, wissen, dass du mit der Polizei Kontakt hast.

T: Nein, das ist kein Kontakt mit Polizei, oder? Das ist eine Befragung von Polizei. Das ist kein Kontakt.

G1: Nein, das ist keine Befragung, wir machen kein Protokoll.

T. betont nochmals mehrfach, dass er kein Spitzel sein wolle, und regt an, dass G1 und G2 ihn schriftlich zu einer Befragung einladen. Doch G1 und G2 beharren darauf, ihn informell zu treffen.

G2: Im Zug ist nicht dazu gemacht zu sprechen. (...)

T: Warum kommen Sie nicht einmal mit mir zur Schule?

G1: Wir wollen nicht mit der Schule sprechen, wir wollen mit dir sprechen. (...)

T: Wenn ich Ihnen sage, ich habe keine Zeit, dann werden Sie mir nicht glauben.

G1: Schau, K. ...

T: Ich habe Ihnen jetzt gesagt, ich muss jetzt Aufgaben machen, wissen Sie. (...)

G2: So sag uns eine Zeit, wann wir einmal zusammen sprechen können.

T: Geben Sie mir Telefonnummer (...). Ich muss überlegen, ich rufe Sie dann an. Ist gut so? Gut?

G1: Gut, ich gebe dir eine Telefonnummer, dann kannst du mir anrufen, aber auf diese Nummer. Gut?

G1 diktiert eine Handynummer. (Wer sie heute wählt, bekommt einen jungen Basler an den Apparat, der die 079er-Nummer seit kurzer Zeit hat.)

T: Und Name? Nachname?

G1: Johann.

T: Einfach Johann?

G1: Ja.

T: Johann Johann?

G1: Bis wir einmal zusammen gesprochen haben, bin ich einfach nur Johann. (...) Wenn wir einmal miteinander sprechen, dann weisst du mehr über mich und ich mehr über dich.

T: Nein, ich will nicht mehr über dich wissen, einfach deinen Namen und fertig.

G1: Reicht dir dieser Name im Moment? Du rufst mich an? Wann etwa rufst du mich an?

T: Ich weiss nicht genau, wissen Sie.

G1: Aber ungefähr? Vor Weihnachten? Alle lachen; es ist Oktober.

T: Nein, nein ...

G1: Diese Woche noch oder nächste Woche?

T: Nein, nächste Woche.

G1: Nächste Woche rufst du mich an.

T: Ja.

(...)

T: Warum machen Sie solche Sachen? Warum machen Sie nicht gesetzliche Sachen?

G2: Wir machen immer gesetzlich.

T: Anwälte sagen, das ist nicht gesetzlich. Und Sie sagen, das ist gesetzlich. Man weiss nicht, wem trauen. Das ist das Problem.

G2: Die Anwälte sind gegen uns, gegen den Staat.

T: Warum?

G2: Weil, das ist so.

T: Warum Anwalt gegen euch? (...) Er hat fünf Jahre Jura studiert, er hat mehr als 20

Jahre Erfahrung, oder. Warum gegen euch? Warum?

G2: Er will ja ein Mandat bekommen, wo er gegen etwas sein muss. Er kann ja nicht sagen: Jawohl. Vielleicht nimmst du ihn als Anwalt, und er verdient Geld. Das ist sein Business. Er kann ja nicht sagen: Das ist okay.

Es folgen einige Minuten Small Talk über das Studium in Freiburg und die Schwierigkeiten der deutschen Sprache. Die Geheimdienstler bieten sich als Deutschlehrer an - halb im Scherz, halb im Ernst.

Durchsage: Prochain arrêt Fribourg, nächster Halt Freiburg.

G1: Jetzt hast du Zeit, in die Schule zu gehen. Bist du jetzt beruhigt?

T: Nein, ich bin immer ruhig.

G1: Jetzt kennst du uns ja.

T: Nein.

Alle lachen.

G1: Aber wir lassen dich gehen.

G2: Schönen Tag.

T: Tschou zäme.

T. steigt aus. Die Agenten bleiben im Zug.

 

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