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25. Oktober 2017

Bun­des­ge­richt

Tri­bu­nal fédéral

Tri­bu­na­le fe­dera­le

Tri­bu­nal fe­deral

6B_101/2017

Ur­teil vom 25. Ok­to­ber 2017

Straf­recht­li­che Ab­tei­lung

Be­set­zung

Bun­des­rich­ter De­nys, Prä­si­dent,

Bun­des­rich­ter Rüe­di,

Bun­des­rich­te­rin Ja­met­ti,

Ge­richts­schrei­ber Mo­ses.

Ver­fah­rens­be­tei­lig­te

X.,

ver­tre­ten durch Rechts­an­walt Dr. Ge­org Kra­mer,

Be­schwer­de­füh­rer,

ge­gen

Staats­an­walt­schaft des Kan­tons St. Gal­len, Schüt­zen­gas­se 1, 9001 St. Gal­len,

Be­schwer­de­geg­ne­rin.

Ge­gen­stand

Gro­be Ver­let­zung von Ver­kehrs­re­geln, Will­kür,

Be­schwer­de ge­gen den Ent­scheid des Kan­tons­ge­richts St. Gal­len, Straf­kam­mer, vom 28. Ok­to­ber 2016 (ST.2016.56-SK3).

Sach­ver­halt:

A.

X. fuhr am 15. Fe­bru­ar 2015 auf der Haupt­stras­se in Bronsch­ho­fen. Da­bei über­schritt er die in­ner­orts zu­läs­si­ge Höchst­ge­schwin­dig­keit von 50 km/h um 28 km/h. Un­mit­tel­bar nach der Ge­schwin­dig­keits­mes­sung wur­de er von der Po­li­zei zum An­hal­ten auf­ge­for­dert. Statt die­ser An­ord­nung Fol­ge zu leis­ten, bog er auf den Vor­platz ei­ner Ga­ra­ge ein, über­quer­te die­sen und fuhr dann über die AMP-Stras­se in Rich­tung Trun­gen da­von. Auf die­ser auf 50 km/h be­grenz­ten Stras­se soll er ge­mäss An­kla­ge zeit­wei­lig mit ei­ner Ge­schwin­dig­keit von min­des­tens 130 km/h ge­fah­ren sein, wäh­rend ihn die Po­li­zei mit Blau­licht und Mar­tins­horn ver­folg­te.

B.

Das Kreis­ge­richt Wil er­klär­te X. am 29. Ja­nu­ar 2016 ne­ben an­de­ren De­lik­ten der qua­li­fi­zier­ten gro­ben (Art. 90 Abs. 3 SVG) so­wie gro­ben (Art. 90 Abs. 2 SVG) Ver­kehrs­re­gel­ver­let­zung schul­dig. Es be­straf­te ihn mit ei­ner be­ding­ten Frei­heits­stra­fe von 15 Mo­na­ten und ei­ner Bus­se von Fr. 7'200.--. Da­ge­gen er­hob X. Be­ru­fung. Er ver­lang­te, er sei vom Vor­wurf der qua­li­fi­zier­ten gro­ben Ver­let­zung der Ver­kehrs­re­geln im Zu­sam­men­hang mit der Fahrt über die AMP-Stras­se frei­zu­spre­chen.

C.

Das Kan­tons­ge­richt St. Gal­len er­klär­te X. am 28. Ok­to­ber 2016 ne­ben an­de­ren De­lik­ten der mehr­fa­chen gro­ben Ver­let­zung der Ver­kehrs­re­geln (Art. 90 Abs. 2 SVG) schul­dig und be­straf­te ihn mit ei­ner be­ding­ten Geld­stra­fe von 140 Ta­ges­sät­zen zu Fr. 100.-- so­wie ei­ner Bus­se von Fr. 2'200.--.

D.

X. führt Be­schwer­de in Straf­sa­chen. Er be­an­tragt, er sei vom Vor­wurf der gro­ben Ver­let­zung der Ver­kehrs­re­geln be­züg­lich der Fahrt auf der AMP-Stras­se frei­zu­spre­chen. Der Be­schwer­de sei die auf­schie­ben­de Wir­kung zu er­tei­len.

E.

Die Staats­an­walt­schaft reich­te kei­ne Ver­nehm­las­sung ein. Das Kan­tons­ge­richt ver­zich­te­te dar­auf.

Er­wä­gun­gen:

1.

1.1. Der Be­schwer­de­füh­rer rügt ei­ne will­kür­li­che Sach­ver­halts­fest­stel­lung. Er bringt ins­be­son­de­re vor, dass die vor­in­stanz­li­che Fest­stel­lun­gen in Be­zug auf die Ge­schwin­dig­keit auf der AMP-Stras­se sich nicht auf ei­ne Mes­sung stüt­zen wür­den, son­dern auf die Aus­sa­gen des Po­li­zis­ten A.. Ent­ge­gen der Auf­fas­sung der Vor­in­stanz ha­be sich die­ser nicht be­reits 19 Se­kun­den nach dem Ab­bie­ge­ma­nö­ver auf der AMP-Stras­se be­fun­den, um ihn zu ver­fol­gen. Die Vor­in­stanz er­wägt dies­be­züg­lich, dass mit der Ka­me­ra des Ge­schwin­dig­keits­mess­ge­rä­tes ein Teil des Ge­sche­hens auf­ge­zeich­net wor­den sei. Zum Zeit­punkt 17:32:29 sei zu er­ken­nen, wie der Be­schwer­de­füh­rer von der Haupt­stras­se ab­biegt. Zu­sam­men mit die­sem Ma­nö­ver wer­de die Ka­me­ra mit­ge­schwenkt. Da­nach sei die­se auf den Ga­ra­gen­platz bzw. zu der von der Haupt­stras­se recht­wink­lig ab­zwei­gen­den AMP-Stras­se aus­ge­rich­tet, so dass sich die im Hin­ter­grund auf­ge­reih­ten Ver­kaufs­fahr­zeu­ge im Fo­kus der Ka­me­ra be­fin­den wür­den. Zum Zeit­punkt 17:32:32 fah­re der Be­schwer­de­füh­rer auf dem Ga­ra­gen­platz vor der Ka­me­ra vor­bei. Da­nach wür­den hin­ter den ab­ge­stell­ten Fahr­zeu­gen zwei Au­tos auf der AMP-Stras­se vor­bei­fah­ren. Das ers­te Fahr­zeug pas­sie­re das Blick­feld zum Zeit­punkt 17:32:37, das zwei­te zum Zeit­punkt 17:32:48 bzw. 19 Se­kun­den, nach­dem der Be­schwer­de­füh­rer die Haupt­stras­se ver­las­sen ha­be. Beim zwei­ten Fahr­zeug hand­le es sich um das Po­li­zei­au­to. Bei ge­naue­rer Be­trach­tung der Vi­deo­se­quenz sei ein auf dem Dach mon­tier­tes Blau­licht aus­zu­ma­chen. Auf­grund der ge­rin­gen Di­men­si­on der Licht­an­la­ge und der nied­ri­gen Hö­he des Pa­trouil­len­fahr­zeugs sei das bläu­li­che Licht aber nur ganz kurz zu er­ken­nen. Ent­ge­gen den Ein­wen­dun­gen des Be­schwer­de­füh­rers, sei es durch­aus plau­si­bel, dass A. in die­sen 19 Se­kun­den das Au­to ha­be be­stei­gen und die AMP-Stras­se er­rei­chen kön­nen.

Der Be­schwer­de­füh­rer macht im Ein­zel­nen gel­tend, dass auf der Vi­deo­auf­zeich­nung kein blau­es Licht zu er­ken­nen sei. Auch sei es un­mög­lich, dass A. in nur 19 Se­kun­den das Au­to ha­be be­stei­gen und die AMP-Stras­se er­rei­chen kön­nen. Der Schluss der Vor­in­stanz, das Po­li­zei­au­to sei auf dem Vi­deo zum Zeit­punkt 17:32:48 zu er­ken­nen, sei da­her will­kür­lich. Viel­mehr müs­se an­ge­nom­men wer­den, dass das Po­li­zei­fahr­zeug nicht vor dem En­de der Vi­deo­se­quenz zum Zeit­punkt 17:33:05 auf der AMP-Stras­se vor­bei­ge­fah­ren sei. Der Rück­stand von A. zum Be­schwer­de­füh­rer ha­be da­her min­des­tens 40 Se­kun­den be­tra­gen. Der Be­schwer­de­füh­rer führt aus, er ha­be in die­ser Zeit mit ei­ner Ge­schwin­dig­keit von 60 km/h 650 Me­ter, bei ei­ner von 70 km/h 780 Me­ter zu­rück­le­gen kön­nen. Er ha­be so­mit be­reits die Kreu­zung im Wei­ler Trun­gen er­reicht, als A. frü­hes­tens an der Ga­ra­ge am An­fang der AMP-Stras­se vor­bei­fuhr. Des­sen Aus­sa­ge, er ha­be ihn auf der Hö­he des AMP ein­ge­holt und sei ihm ab die­ser Stel­le mit ei­ner Ge­schwin­dig­keit von 130 km/h ge­folgt, sei so­mit falsch.

1.2. Die Sach­ver­halts­fest­stel­lung der Vor­in­stanz kann vor Bun­des­ge­richt nur ge­rügt wer­den, wenn sie of­fen­sicht­lich un­rich­tig ist oder auf ei­ner Rechts­ver­let­zung im Sin­ne von Art. 95 BGG be­ruht und wenn die Be­he­bung des Man­gels für den Aus­gang des Ver­fah­rens ent­schei­dend sein kann (Art. 97 Abs. 1 BGG). Of­fen­sicht­lich un­rich­tig ist die Sach­ver­halts­fest­stel­lung, wenn sie will­kür­lich ist (BGE 141 IV 249 E. 1.3.1 mit Hin­wei­sen). Will­kür liegt vor, wenn der an­ge­foch­te­ne Ent­scheid of­fen­sicht­lich un­halt­bar ist oder mit der tat­säch­li­chen Si­tua­ti­on in kla­rem Wi­der­spruch steht. Dass ei­ne an­de­re Lö­sung oder Wür­di­gung eben­falls ver­tret­bar oder gar zu­tref­fen­der er­scheint, ge­nügt für die An­nah­me von Will­kür nicht (BGE 138 I 305 E. 4.3 mit Hin­wei­sen). Ei­ne ent­spre­chen­de Rü­ge muss klar vor­ge­bracht und sub­stan­zi­iert be­grün­det wer­den (Art. 42 Abs. 2 und Art. 106 Abs. 2 BGG; BGE 137 IV 1 E. 4.2.3; 136 I 65 E. 1.3.1; je mit Hin­wei­sen). Auf ei­ne rein ap­pel­la­to­ri­sche Kri­tik am an­ge­foch­te­nen Ur­teil tritt das Bun­des­ge­richt nicht ein (BGE 142 III 364 E. 2.4).

Auf der Vi­deo­auf­zeich­nung ist nicht er­kenn­bar, ob das zwei­te vor­bei­fah­ren­de Au­to mit ei­nem Blau­licht aus­ge­rüs­tet ist oder nicht. Die Vor­in­stanz ver­fällt in Will­kür, wenn sie dies an­nimmt. Der an­ge­foch­te­ne Ent­scheid ist dem­nach auf­zu­he­ben und die Sa­che an die Vor­in­stanz zu­rück­zu­wei­sen, da­mit die­se so­weit er­for­der­lich wei­te­re Be­wei­se er­hebt, den Sach­ver­halt neu fest­stellt und ent­spre­chend ent­schei­det. Es er­üb­rigt sich, auf die wei­te­ren Rü­gen des Be­schwer­de­füh­rers ein­zu­ge­hen.

2.

Die Be­schwer­de ist gut­zu­heis­sen. Für das bun­des­ge­richt­li­che Ver­fah­ren sind kei­ne Kos­ten zu er­he­ben (Art. 66 Abs. 1 und 4 BGG). Der Be­schwer­de­füh­rer hat An­spruch auf ei­ne an­ge­mes­se­ne Par­tei­ent­schä­di­gung (Art. 68 Abs. 2 BGG). Mit dem Ent­scheid in der Sa­che wird das Ge­such um auf­schie­ben­de Wir­kung ge­gen­stands­los.

Dem­nach er­kennt das Bun­des­ge­richt:

1.

Die Be­schwer­de wird gut­ge­heis­sen. Das Ur­teil des Kan­tons­ge­richts St. Gal­len vom 28. Ok­to­ber 2016 wird auf­ge­ho­ben und die Sa­che zu neu­er Ent­schei­dung an die Vor­in­stanz zu­rück­ge­wie­sen.

2.

Es wer­den kei­ne Kos­ten er­ho­ben.

3.

Der Kan­ton St. Gal­len hat dem Be­schwer­de­füh­rer ei­ne Par­tei­ent­schä­di­gung von Fr. 3'000.-- zu be­zah­len.

4.

Die­ses Ur­teil wird den Par­tei­en und dem Kan­tons­ge­richt St. Gal­len, Straf­kam­mer, schrift­lich mit­ge­teilt.

Lau­sanne, 25. Ok­to­ber 2017

Im Na­men der Straf­recht­li­chen Ab­tei­lung

des Schwei­ze­ri­schen Bun­des­ge­richts

Der Prä­si­dent: De­nys

Der Ge­richts­schrei­ber: Mo­ses

 

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