Asylzentrum in Nottwil: Kritik an eingeschränkter Bewegungsfreiheit

3. Mai 2013

Asyl­zen­tren des Bun­des lö­sen in vie­len Stand­ort­ge­mein­den kei­ne Freu­de aus. Um ein rei­bungs­lo­ses Ne­ben­ein­an­der zu ga­ran­tie­ren, wer­den die Grund­rech­te der Asyl­su­chen­den stark ein­ge­schränkt. Staats­rechts­pro­fes­so­ren und Am­nes­ty In­ter­na­tio­nal be­zwei­feln die Ver­hält­nis­mäs­sig­keit die­ser Mass­nah­men.

Auch wenn man­che den dies­jäh­ri­gen Früh­ling be­reits ab­ge­schrie­ben ha­ben, hält er nun doch noch Ein­zug. Die Tem­pe­ra­tu­ren stei­gen und am Abend ist es län­ger hell. Grund ge­nug, den Tag am Ufer des Sem­pa­cher­sees bei ei­nem Bier­chen aus­klin­gen zu las­sen. Wäh­rend die ei­nen al­so von der Ar­beit nach Hau­se kom­men, das Dorf mit Le­ben fül­len und sich der Fei­er­abend­pla­nung wid­men, ist es für die an­de­ren höchs­te Zeit, sich aus der Öf­fent­lich­keit zu ent­fer­nen. Die «An­de­ren», das sind die Asyl­su­chen­den. Um 17 Uhr ist näm­lich Tor­schluss im Zen­trum Nott­wil.

Neu­lich ba­ten Asyl­su­chen­de die Zen­trums­lei­tung, abends ei­ne Stun­de län­ger draus­sen sein zu dür­fen. Das sei in der Be­gleit­grup­pe dis­ku­tiert, dann aber ab­ge­lehnt wor­den, be­rich­tet Zen­trums­lei­ter Sa­mu­el Fried­li. «Wir wol­len an den Zei­ten, wel­che der Be­völ­ke­rung kom­mu­ni­ziert wur­den, fest­hal­ten», er­läu­tert Nott­wils Ge­mein­de­prä­si­dent Wal­ter Stef­fen.

«Un­se­re Frei­heit dau­ert bloss von 9 Uhr mor­gens bis 17 Uhr am Nach­mit­tag», er­klärt ein jun­ger Li­by­er, der im Zen­trum un­ter­ge­bracht ist. «Es ist schwie­rig, aber wenn du kei­ne Al­ter­na­ti­ve hast, musst du ler­nen da­mit um­zu­ge­hen.» Er, der sei­nen Na­men lie­ber nicht Preis ge­ben will, ist seit Mit­te April in Nott­wil. Er hal­te sich an die Re­geln, auch wenn es ihm schwer fal­le.

Am­nes­ty kri­ti­siert Ein­schrän­kung

De­ni­se Graf, Flücht­lings­ko­or­di­na­to­rin bei Am­nes­ty In­ter­na­tio­nal, konn­te neu­lich das Asyl­zen­trum im zwei­ten Un­ter­ge­schoss des un­ter­ir­di­schen Mi­li­tär­spi­tals in Nott­wil be­su­chen. Mit der In­fra­struk­tur ist sie zu­frie­den. Der Nott­wi­ler Un­ter­grund, sprich Bun­ker, sei «für ei­nen zeit­lich be­grenz­ten Auf­ent­halt zu­mut­bar».

Die Un­ter­kunft wur­de im Ja­nu­ar er­öff­net, der Be­trieb ist auf sechs Mo­na­te be­grenzt. Sie ist dem Emp­fangs­zen­trum in Chi­as­so an­ge­glie­dert. Die meis­ten Asyl­su­chen­den hal­ten sich zwei bis drei Mo­na­te dort auf. Mit der Nut­zung sol­cher Ar­mee­un­ter­künf­te ver­sucht das Bun­des­amt für Mi­gra­ti­on (BFM) die in­fra­struk­tu­rel­len Eng­päs­se im Asyl­sys­tem zu be­wäl­ti­gen.

Am Wo­chen­en­de mehr Frei­heit

Die­se Art der Un­ter­brin­gung kom­bi­niert mit den be­schränk­ten Aus­gangs­zei­ten sei ei­ne mas­si­ve Ein­schrän­kung der Be­we­gungs­frei­heit, be­män­gelt der­weil De­ni­se Graf von Am­nes­ty. Dass die Asyl­su­chen­den am Wo­chen­en­de je­doch weg könn­ten, ent­schär­fe die Si­tua­ti­on et­was. Auch ihr ge­gen­über be­klag­ten aber Asyl­su­chen­de die strik­te abend­li­che Aus­gangs­re­gel. «Man­che von ih­nen ha­ben ei­ne Frau oder Freun­din in der Schweiz, kön­nen sie aber nur am Wo­chen­en­de be­su­chen», sagt Graf.

«Die Asyl­su­chen­den be­ge­ben sich frei­wil­lig in die Un­ter­kunft und kön­nen sich täg­lich frei be­we­gen», wen­det Mi­cha­el Glau­ser vom Bun­des­amt für Mi­gra­ti­on in Bern ein. «Et­was zy­nisch» fin­det Mar­kus Schefer, Pro­fes­sor für Staats- und Ver­wal­tungs­recht an der Uni­ver­si­tät Ba­sel die­se Aus­sa­ge. «Die meis­ten Asyl­su­chen­den ha­ben hier nie­man­den, wo sie per Aus­nah­me­be­wil­li­gung pri­vat un­ter­kom­men könn­ten.»

Die Aus­gangs­zei­ten sind in der Haus­ord­nung fest­ge­hal­ten, wel­che für sämt­li­che Un­ter­künf­te des Bun­des im Asyl­be­reich gilt. Sie ist in Form ei­ner Ver­ord­nung des Eid­ge­nös­si­schen Jus­tiz- und Po­li­zei­de­par­te­ments ge­setz­lich ver­an­kert. «Ei­ne Be­schwer­de da­ge­gen ein­zu­rei­chen wä­re aus­sichts­los», ur­teilt De­ni­se Graf von Am­nes­ty. «Die Ein­schluss­zei­ten sind ein par­ti­el­ler Frei­heits­ent­zug», sagt San­dra Im­hof, Ge­schäfts­lei­te­rin der Na­tio­na­len Kom­mis­si­on zur Ver­hü­tung von Fol­ter (NKVF). Die Kom­mis­si­on plant, die­ses Jahr Ad-hoc-Be­su­che in Asyl­zen­tren des Bun­des durch­zu­füh­ren.

Skep­sis auch bei Staats­recht­lern

Ähn­lich äus­sert sich Staats­rechts­pro­fes­sor Mar­kus Schefer: «Das sind sehr star­ke Ein­schrän­kun­gen der per­sön­li­chen Frei­heits­rech­te. Über­le­gen sie sich mal wie es wä­re, wenn sie je­den Abend um 17 Uhr zu Hau­se sein müss­ten!» Dass man­che der Bun­des­zen­tren sich in un­ter­ir­di­schen Un­ter­la­gen be­fän­den, ma­che die Ein­schrän­kung noch ein­schnei­den­der, sagt Schefer. «Des­halb müs­sen die In­ter­es­sen, auf­grund wel­cher sol­che Ein­schrän­kun­gen ein­ge­führt wer­den, um­so ge­wich­ti­ger sein.»

Be­fragt nach den Grün­den für die eng be­mes­se­nen Aus­gangs­zei­ten ant­wor­tet BFM-Pres­se­spre­cher Mi­cha­el Glau­ser: «Die Ge­such­stel­ler müs­sen ge­ra­de in die­sem Sta­di­um des Asyl­pro­zes­ses für die ein­zel­nen Ver­fah­rens­schrit­te wie bei­spiels­wei­se grenz­sa­ni­ta­ri­sche Mass­nah­men oder Be­fra­gun­gen zur Ver­fü­gung ste­hen.»

zen­tral+ hat Eva Ma­ria Bel­ser, Pro­fes­so­rin für Staats- und Ver­wal­tungs­recht an der Uni­ver­si­tät Fri­bourg ge­be­ten, da­zu Stel­lung zu neh­men. Aus­gangs­ver­bo­te, die mit der zü­gi­gen Ab­wick­lung des Ver­fah­rens be­grün­det wer­den, er­schei­nen ihr kri­tisch: «Wenn schon, müss­ten die be­trof­fe­nen Per­so­nen tags­über zur Ver­fü­gung ste­hen, denn Ab­klä­rungs­ge­sprä­che (des BFM) fin­den kaum nach 17 Uhr abends bzw. vor 9 Uhr mor­gens statt.»

Nach 17 Uhr herrscht Lan­ge­wei­le

Was al­so ge­schieht im Asyl­zen­trum von 17 Uhr bis zur Nacht­ru­he? «Nach dem Nacht­es­sen ma­chen wir nichts. Wir schau­en fern und re­den», er­zählt ein ni­ge­ria­ni­scher Asyl­su­chen­der. We­ni­ge Me­ter vor der un­ter­ir­di­schen An­la­ge, doch in­ner­halb des Zauns, ste­hen vier Con­tai­ner mit Tög­ge­li­käs­ten, Ping­pong-Ti­schen, Com­pu­tern und TV. Der ein­gangs er­wähn­te Li­by­er sagt: «Wenn am TV kein Fuss­ball kommt, spie­len wir Kar­ten. An­de­re ge­hen ein­fach frü­her schla­fen.»

Auch der Zen­trums­lei­ter be­stä­tigt, dass nach dem Nacht­es­sen kaum ver­fah­rens­re­le­van­te Din­ge ge­sche­hen. «Es kann aber sein, dass wir ein E-Mail krie­gen, weil et­wa ei­ne Per­son am Fol­ge­tag trans­fe­riert wird.» Dann wer­de die be­trof­fe­ne Per­son in­for­miert «und die Se­cu­ri­tas lässt sie nicht mehr hin­aus, da­mit sie auch wirk­lich da ist am nächs­ten Mor­gen», sagt Fried­li.

Zu­rück zu Pro­fes­sor Schefer: «Es ist doch nicht nö­tig, dass al­le ab 17 Uhr dort sind! Das wä­re an­ders lös­bar.» Auch sei­ne Be­rufs­kol­le­gin in Fri­bourg sieht das so: «Ab­ge­se­hen von Son­der­fäl­len sind nächt­li­che Aus­gangs­sper­ren we­der er­for­der­lich noch ge­eig­net, um ein spe­di­ti­ves Asyl­ver­fah­ren si­cher­zu­stel­len – und müss­ten ent­spre­chend mit Si­cher­heits­grün­den ge­recht­fer­tigt wer­den», sagt Eva Ma­ria Bel­ser.

Über­ge­ord­ne­te Si­cher­heits­in­ter­es­sen?

Das öf­fent­li­che In­ter­es­se an Ord­nung und Si­cher­heit er­laubt es grund­sätz­lich, die Be­we­gungs­frei­heit Ein­zel­ner ein­zu­schrän­ken. «Ver­hält­nis­mäs­sig sind Aus­gangs­sper­ren aber nur, wenn und so­weit sie auch tat­säch­lich er­for­der­lich, ge­eig­net und für den Ein­zel­nen zu­mut­bar sind», führt Pro­fes­so­rin Bel­ser aus. In Nott­wil wer­de das öf­fent­li­che Si­cher­heits­in­ter­es­se stär­ker ge­wich­tet als die Frei­heits­ein­schrän­kun­gen für die Asyl­su­chen­den, stellt NKVF-Ge­schäfts­lei­te­rin Im­hof fest.

Beim BFM hin­ge­gen heisst es: «Die Ver­hält­nis­mäs­sig­keit ist ge­währ­leis­tet.» Es brau­che sub­stan­zier­ba­re Si­cher­heits­in­ter­es­sen, be­tont Staats­rechts­pro­fes­sor Schefer. «Ei­ne va­ge Idee ei­ner Ge­fähr­dung der Si­cher­heit reicht nicht.» Ei­ne sub­stan­zi­el­le Be­dro­hung für die Si­cher­heit be­stün­de al­len­falls, «wenn re­gel­mäs­sig von ei­nem Gross­teil der Leu­te die öf­fent­li­che Si­cher­heit be­ein­träch­tigt wür­de, doch das trifft in Nott­wil nicht zu», sagt Schefer.

Li­be­ra­le Haus­ord­nung bei Ca­ri­tas

Es fragt sich zu­dem, wie­so in Bun­des­zen­tren wie in Nott­wil viel strik­te­re Re­geln zur An­wen­dung kom­men als et­wa in kan­to­na­len Asyl­zen­tren. In Un­ter­künf­ten der Ca­ri­tas zum Bei­spiel dür­fen Asyl­su­chen­de mor­gens um 6.30 Uhr das Zen­trum ver­las­sen und müs­sen erst um 23.45 Uhr wie­der zu­rück sein. «Wer spä­ter kommt, wird aber gleich­wohl ir­gend­wie her­ein ge­las­sen», sagt An­dré Dur­rer, der bei Ca­ri­tas Schweiz die Ab­tei­lung Mi­gra­ti­on lei­tet.

Es ist klar, dass es ge­wis­se Re­geln braucht.» Die­se soll­ten aber or­ga­ni­sa­to­risch be­grün­det, sinn­voll und ver­hält­nis­mäs­sig sein, er­klärt Dur­rer. «Ob da 17 Uhr ei­ne ge­schick­te Zeit ist, darf si­cher hin­ter­fragt wer­den.» Ca­ri­tas ha­be mit ih­ren Re­geln bis­lang gu­te Er­fah­run­gen ge­macht.

«Sen­si­ble Zo­nen sind pro­ble­ma­tisch»

Ge­mein­de­prä­si­dent Wal­ter Stef­fen be­ur­teilt die La­ge in Nott­wil nach wie vor als gut. «Ich will die ne­ga­ti­ven Vor­komm­nis­se nicht schön­re­den, aber man muss sie auch re­la­ti­vie­ren», sagt er. Ei­nen Grund für sei­ne po­si­ti­ve Zwi­schen­bi­lanz sieht er in den als «sen­si­bel» de­fi­nier­ten Zo­nen. «Auf dem Ge­län­de des Pa­ra­ple­gi­ker-Zen­trums, auf dem Cam­ping­platz, im Al­ters- und Pfle­ge­zen­trum so­wie auf dem Schul­are­al dür­fen sich Asyl­su­chen­de nicht auf­hal­ten», er­klärt er.

Die­se Ta­bu­zo­nen be­deu­ten für die Asyl­su­chen­den ei­ne wei­te­re Be­we­gungs­ein­schrän­kung. Um Be­den­ken zu zer­streu­en, wur­de der Nott­wi­ler Be­völ­ke­rung be­reits vor der Er­öff­nung des Asyl­zen­trums ver­spro­chen, dass sich Asyl­be­wer­ber nicht dort auf­hal­ten dürf­ten. Um recht­lich ver­an­ker­te Rayon­ver­bo­te han­delt es sich aber nicht. «Die Ach­tung der sen­si­blen Zo­nen ist Be­stand­teil der Haus­ord­nung», er­läu­tert Mi­cha­el Glau­ser vom BFM. Da­mit wer­de Rück­sicht auf die Wün­sche der An­woh­ner und der Ge­mein­de ge­nom­men.

SVP-Vor­stands­mit­glied: «Ab Ju­li sind wir be­freit»

Ein Nott­wi­ler, der sich im­mer wie­der zum Asyl­zen­trum äus­sert, ist To­ni Büch­ler, Mit­glied des er­wei­ter­ten Vor­stands der SVP Nott­wil. «Mehr oder we­ni­ger ge­nies­sen die Asyl­be­wer­ber ei­nen Frei­pass», be­klagt er. Dies Aus­gangs­zei­ten wür­den so gut wie nie ein­ge­hal­ten und nun wer­de auch noch die öf­fent­li­che Ba­di frei ge­ge­ben. Sein ein­zi­ger Trost: «Ab Ju­li sind wir von den Pro­ble­men vor un­se­rer Haus­tü­re be­freit.»

Staats­recht­ler Schefer fin­det die Ta­bu­zo­nen-Re­ge­lung «sehr pro­ble­ma­tisch.» Er ha­be zwar Ver­ständ­nis für den Wunsch, «doch ist das recht­lich nicht ent­schei­dend. Es ist kein ge­nü­gen­der Grund.» Ein­fach auf­grund dif­fu­ser Ängs­te Re­geln für spe­zi­fi­sche Per­so­nen­grup­pen zu for­mu­lie­ren und durch­zu­set­zen, ge­he nicht, sagt Schefer. «Man muss klar be­grün­den kön­nen, wel­che Ge­fah­ren von den Be­trof­fe­nen aus­ge­hen.»

Er be­ob­ach­tet ei­ne kla­re Ten­denz zur Ein­schrän­kung der Be­we­gungs­frei­heit von Asyl­su­chen­den in den letz­ten zwei Jahr­zehn­ten. Wenn ein Zen­trum mit­ten in ei­ner Ge­mein­de sei, brau­che es sol­che Re­geln, sagt Nott­wils Ge­mein­de­prä­si­dent. «Das ist qua­si der Preis da­für, dass man Asyl­su­chen­de nicht auf Al­pen­päs­sen un­ter­bringt.» Beim BFM will man die­se Aus­sa­ge nicht be­stä­ti­gen. Mi­cha­el Glau­ser: «Der Bund hat der Ar­mee den Auf­trag er­teilt, Plät­ze zur Ver­fü­gung zu stel­len. Er ist froh um je­den zu­sätz­li­chen Platz.»

Dis­zi­pli­na­ri­sche Mass­nah­men

Bei Ver­stös­sen ge­gen die Haus­ord­nung gibt es in Bun­des­zen­tren ge­mäss Bun­des­amt für Mi­gra­ti­on meh­re­re Sank­ti­ons­mög­lich­kei­ten:

1. Strei­chung der drei Fran­ken Ta­schen­geld pro Tag

2. Ver­wei­ge­rung der Aus­gangs­be­wil­li­gung

3. Teil­nah­me­ver­wei­ge­rung an Ar­beits­pro­gram­men

4. Aus­schluss und Zu­tei­lung in ei­ne an­de­re Un­ter­kunft

Ge­mäss Zen­trums­lei­ter Sa­mu­el Fried­li wird in Nott­wil dar­auf ver­zich­tet, Ver­stös­se mit Aus­gangs­ver­bo­ten zu ahn­den, weil die An­la­ge un­ter­ir­disch ist.

 

Webauftritt gestaltet mit YAML (CSS Framework), Contao 3.5.27 (Content Management System) und PHPList (Newsletter Engine)

Copyright © 2006-2025 by grundrechte.ch