Grenzwächter schikanieren Obdachlose am Basler Bahnhof

17. Juli 2017

Ga­bri­el Brön­ni­mann, Ta­ges­Wo­che

Ei­ne Per­so­nen­kon­trol­le vor dem Bahn­hof Ba­sel SBB - ge­zielt ge­gen drei Män­ner. Die Be­am­ten sind kei­ne Po­li­zis­ten, son­dern Grenz­wäch­ter - die Kon­trol­lier­ten sind aber gar nicht über die Gren­ze ge­kom­men. Was ist da los?

Die Zei­ger der gros­sen Uh­ren am Bahn­hof Ba­sel SBB ste­hen auf 11.45 Uhr. Un­weit vom West­turm des Bahn­hofs, auf der Hö­he des Flug­ha­fen­bus­ses, zeigt ein Grenz­wäch­ter, gross und grau­haa­rig, mit aus­ge­streck­tem Arm auf drei Män­ner, die auf ei­nem Bänk­chen ne­ben dem Ein­gang sit­zen. Der uni­for­mier­te Vie­rer­trupp der Grenz­wachtre­gi­on I setzt sich in Be­we­gung, bahnt sich sei­nen Weg durch die Pas­san­ten.

Es ist Don­ners­tag, 13. Ju­li.

Jetzt se­hen die drei Män­ner auf dem Bänk­chen die Uni­for­mier­ten kom­men. Sie blei­ben sit­zen. Ei­ner von ih­nen schaut auf sei­ne Hän­de, dreht sei­ne Zi­ga­ret­te wei­ter. Der zwei­te Mann, er trinkt Co­ca-Co­la aus der Do­se, schaut auf sei­ne Füs­se, sei­ne Mund­win­kel zei­gen nach un­ten. Der drit­te Mann, in der Hand ei­ne Büch­se Bier, kramt schon in sei­ner Ho­sen­ta­sche nach sei­nem Porte­mon­naie.

Die vier Be­am­ten bau­en sich vor den drei Sit­zen­den auf. «Grenz­wacht, Per­so­nen­kon­trol­le, so­oo ihr, al­le die Aus­wei­se vor­wei­sen bit­te», sagt der Ein­satz­lei­ter.

Er sagt es laut. So laut, dass man je­des Wort ver­steht, auch aus 20 Me­tern Ent­fer­nung.

Der ers­te Mann auf der Bank hän­digt den Aus­weis aus, sagt sei­nen Na­men, gibt be­reit­wil­lig Aus­kunft über sei­ne Her­kunft, was er heu­te ge­macht hat, war­um er hier sitzt. «Und jetzt Ih­ren Aus­weis!», sagt der Ein­satz­lei­ter laut zum zwei­ten Mann, der, in der ei­nen Hand sein Co­ca-Co­la, in der an­de­ren Hand sei­ne ID, wei­ter zu Bo­den schaut. Die Mund­win­kel zit­tern, er stam­melt sei­nen Na­men und al­les an­de­re, was der Ein­satz­lei­ter wis­sen will.

Der Uni­for­mier­te wie­der­holt al­les Ge­sag­te laut, als sei sein Pu­bli­kum vor ihm taub. Er greift zum Han­dy, dra­ma­ti­sche Ges­te, wählt ei­ne Num­mer und sagt, be­vor er das Ge­rät ans Ohr hält: «So, jetzt wol­len wir schau­en, dass ihr mir kei­nen Seich er­zählt habt!»

Da­mit es si­cher al­le hö­ren

Die Män­ner ha­ben die Wahr­heit ge­sagt. Das er­fah­ren al­le im Um­kreis von 25 Me­tern. Und zwar, ob sie wol­len - mitt­ler­wei­le sind ei­ni­ge Schau­lus­ti­ge ste­hen ge­blie­ben - oder nicht. Der An­füh­rer, ver­bun­den mit der Zen­tra­le, bellt die Na­men* und die Ge­burts­da­ten und wei­te­re An­ga­ben über die drei Män­ner in sein Te­le­fon.

«Ja, auch ein Schwei­zer» … «Aus­ge­schrie­ben ist er nicht, gäll?» … «Ja, auch ein Schwei­zer, der auch, ja» … «Nein, 68! Jahr­gang 68, ja!»

Die Vor­stel­lung dau­ert rund fünf Mi­nu­ten. Dann ha­ben die drei Män­ner ih­re Iden­ti­täts­pa­pie­re zu­rück, die Grenz­wäch­ter ha­ben sich ver­ab­schie­det und sind wei­ter­ge­zo­gen. Die Schau­lus­ti­gen sind eben­falls weg. Die Män­ner schau­en al­le zu Bo­den. Der Mann mit der Co­la-Do­se zit­tert.

«Es ist de­mü­ti­gend»

«Die kom­men je­de Wo­che», sagt ei­ner der Män­ner* zur Ta­ges­Wo­che. Ei­ner­seits kön­ne er das ver­ste­hen: «Die ma­chen auch nur ih­ren Job.» An­de­rer­seits ner­ve es ihn: «Ich sit­ze doch nur hier. Ja, manch­mal trin­ke ich ein Bier.» Aber er tue nie­man­dem et­was, sagt er, und «mit Dro­gen oder ir­gend et­was Ver­bo­te­nem ha­be ich nichts zu tun».

Er schüt­telt den Kopf. Der Ver­dacht lie­ge na­he, dass es nur um Schi­ka­ne ge­he. Dar­um, dass man sich das nicht mehr an­tun will. Hier zu sit­zen mit sei­nem Bier. «Vor ein paar Ta­gen ha­ben sie mein Ge­päck durch­sucht. Vor al­len Leu­ten. Al­les, je­den ein­zel­nen per­sön­li­chen Ge­gen­stand», sagt der Mann. «Es ist de­mü­ti­gend.»

Hat er oder ei­ner der an­de­ren Kon­trol­lier­ten heu­te die Schwei­zer Gren­ze über­quert? «Ich nicht», sagt er. Die an­de­ren wohl auch nicht. «War­um auch?», meint der Mann.

Stich­pro­ben und Er­fah­rungs­wer­te

Das Grenz­wacht­korps (GWK) füh­re «grund­sätz­lich kei­ne sys­te­ma­ti­schen Per­so­nen­kon­trol­len» durch, sagt Pa­trick Ph. Gan­ten­bein, Spre­cher der Grenz­wachtre­gi­on I/Ba­sel. Die «Stich­pro­ben» stütz­ten sich auf «Er­fah­rungs­wer­te».

Er fügt an, dass «sol­che Ab­fra­gen grund­sätz­lich mit der nö­ti­gen Dis­kre­ti­on» durch­ge­führt wür­den. Es sei im öf­fent­li­chen Raum je­doch «nicht im­mer ver­meid­bar, dass Drit­te zu­hö­ren kön­nen». Man sei dar­auf be­dacht, «dass der Um­gang mit Per­so­nen in ei­ner Kon­trol­le ent­spre­chend kor­rekt ver­läuft». Und falls das «aus Sicht der Be­trof­fe­nen nicht der Fall sein» soll­te, so Gan­ten­bein, dann ste­he «je­der­zeit der Weg ei­ner Be­schwer­de of­fen».

Gab es denn Hin­wei­se dar­auf, dass die drei Män­ner die Gren­ze über­quert hat­ten? Oder an­de­re kon­kre­te Hin­wei­se, die da­zu ge­führt hat­ten, die­se Per­so­nen zu kon­trol­lie­ren? «Es gab kei­ne spe­zi­el­len Hin­wei­se. Es han­del­te sich um ei­ne nor­ma­le Zoll- und Per­so­nen­kon­trol­le durch das Grenz­wacht­korps», sagt Pa­trick Ph. Gan­ten­bein.

War­um führt das GWK auf Bas­ler Bo­den «nor­ma­le Per­so­nen­kon­trol­len» aus? Gan­ten­bein: «Im Rah­men der Schen­gen-Er­satz­mass­nah­men und im Ein­klang mit der Kan­tons­ver­ein­ba­rung Ba­sel-Stadt wer­den auch Zoll- und Per­so­nen­kon­trol­len oh­ne Be­zug zu ei­nem Grenz­über­tritt durch­ge­führt.»

Tat­säch­lich kön­nen die Schwei­zer Grenz­wäch­ter seit rund ei­ner De­ka­de die Kan­to­ne zu­sätz­lich mit Per­so­nen­kon­trol­len un­ter­stüt­zen nach den Schen­ge­ner Er­satz­mass­nah­men. Aber sind da­mit nicht ab­ge­spro­che­ne Ein­sät­ze ge­meint, wie et­wa die Kon­trol­le des G20-Zugs am Ba­di­schen Bahn­hof? Die Bas­ler Kan­tons­po­li­zei pa­trouil­liert eben­falls auf dem Bahn­hof­platz - braucht es zu­sätz­li­che Per­so­nen­kon­trol­len durch die Grenz­wacht, ei­ne Art zwei­te Kan­tons­po­li­zei?

Un­be­schol­te­ne Bier­trin­ker

Die Ta­ges­Wo­che wird hin und her ver­wie­sen: Die Kan­tons­po­li­zei sagt, Fra­gen zum kon­kre­ten Ein­satz müs­se das GWK be­ant­wor­ten. Spre­cher To­prak Yer­guz vom Jus­tiz- und Si­cher­heits­de­par­te­ment be­stä­tigt aber: «Ganz grund­sätz­lich lässt sich fest­hal­ten, dass nicht je­der ein­zel­ne Ein­satz des GWK mit der Kan­tons­po­li­zei Ba­sel-Stadt ab­ge­spro­chen wird.»

Ob die­se Ein­sät­ze so wirk­lich im Sinn der Schen­ge­ner Er­satz­mass­nah­men sind, wird sich zei­gen. Al­ler­dings ist es kaum im Sinn der un­be­schol­te­nen bier­trin­ken­den Bür­ger, die nach ei­ge­nen An­ga­ben re­gel­mäs­sig von Grenz­wäch­tern kon­trol­liert wer­den - in al­ler Öf­fent­lich­keit.

Auf die Fra­ge, ob je­der da­mit zu rech­nen ha­be, dass sein Kof­fer vor Pu­bli­kum durch­sucht wird, wenn er in Bahn­hofs­nä­he ein Bier­chen trinkt, ant­wor­te­te Pa­trick Ph. Gan­ten­bein vom GWK, es wür­den «grund­sätz­lich kei­ne To­tal­re­vi­sio­nen von Ge­päck auf dem Bahn­hof­platz vor­ge­nom­men». Das GWK ver­ste­he, «dass das ei­nen Ein­griff in die Per­sön­lich­keits­sphä­re ei­nes Men­schen be­deu­tet und kurz­fris­tig stö­rend sein kann».

Ent­war­nung für Bas­ler Bier­trin­ker? Klingt an­ders. Denn Gan­ten­bein legt nach: «Es kann je­doch durch­aus sein, dass klei­ne Ge­päck­stü­cke vor Ort an­ge­schaut wer­den, dies auch im zeit­li­chen In­ter­es­se der kon­trol­lier­ten Per­son.»

 

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