Urteil BGE 6B_315/2012

21. Dezember 2012

Bun­des­ge­richt

Tri­bu­nal fédéral

Tri­bu­na­le fe­dera­le

Tri­bu­nal fe­deral

{T 0/2}

6B_315/2012

Ur­teil vom 21. De­zem­ber 2012

Straf­recht­li­che Ab­tei­lung

Be­set­zung

Bun­des­rich­ter Ma­thys, Prä­si­dent,

Bun­des­rich­ter Schnei­der,

Bun­des­rich­te­rin Jac­que­moud-Ros­sa­ri,

Bun­des­rich­ter De­nys, Schö­bi,

Ge­richts­schrei­ber Briw.

Ver­fah­rens­be­tei­lig­te

X.________,

ver­tre­ten durch Ad­vo­kat Dr. Ste­fan Su­ter,

Be­schwer­de­füh­rer,

ge­gen

Staats­an­walt­schaft des Kan­tons Ba­sel-Stadt, Bin­nin­ger­stras­se 21, Post­fach, 4001 Ba­sel,

Be­schwer­de­geg­ne­rin.

Ge­gen­stand

Ver­wah­rung,

Be­schwer­de ge­gen das Ur­teil des Ap­pel­la­ti­ons­ge­richts des Kan­tons Ba­sel-Stadt vom 20. De­zem­ber 2011.

Sach­ver­halt:

A.

Un­mit­tel­bar nach­dem X.________ von ei­nem Wirt we­gen ei­nes Strei­tes mit den Kell­ne­rin­nen aus dem Wirts­haus ge­wie­sen wor­den war, ver­wi­ckel­te er am 27. Au­gust 2009 um 21.15 Uhr den Au­to­mo­bi­lis­ten A.________ beim Über­que­ren ei­nes Fuss­gän­ger­strei­fens in ei­ne Aus­ein­an­der­set­zung. Als der nach­fol­gen­de Au­to­mo­bi­list B.________ da­zwi­schen­trat und X.________ weg­schob, spür­te er et­was am Hals, wich re­flex­ar­tig zu­rück und sah erst jetzt das Ta­schen­mes­ser in der Hand X.________s.

Die Staats­an­walt­schaft des Kan­tons Ba­sel-Stadt klag­te X.________ un­ter an­de­rem we­gen ver­such­ter vor­sätz­li­cher Tö­tung an.

B.

Das Straf­ge­richt Ba­sel-Stadt ver­ur­teil­te X.________ am 13. April 2010 we­gen Ge­fähr­dung des Le­bens, ein­fa­cher Kör­per­ver­let­zung mit ei­nem ge­fähr­li­chen Ge­gen­stand, mehr­fa­cher Nö­ti­gung und mehr­fa­chen Kon­sums von Be­täu­bungs­mit­teln zu 5 Jah­ren Frei­heits­stra­fe.

Das Ap­pel­la­ti­ons­ge­richt des Kan­tons Ba­sel-Stadt be­stä­tig­te auf Ap­pel­la­ti­on der Staats­an­walt­schaft am 20. De­zem­ber 2011 das straf­ge­richt­li­che Ur­teil im Schuld- so­wie Straf­punkt und ver­wahr­te X.________ ge­mäss Art. 64 Abs. 1 lit. b StGB.

C.

X.________ er­hebt Be­schwer­de in Straf­sa­chen mit den An­trä­gen, das ober­ge­richt­li­che Ur­teil auf­zu­he­ben, die fünf­jäh­ri­ge Frei­heits­stra­fe zu be­stä­ti­gen, von ei­ner Ver­wah­rung ab­zu­se­hen und ihm die un­ent­gelt­li­che Rechts­pfle­ge zu ge­wäh­ren.

Er­wä­gun­gen:

1.

1.1 Der Be­schwer­de­füh­rer macht gel­tend, Art. 64 Abs. 1 StGB set­ze ne­ben ei­ner Ka­ta­log­tat vor­aus, dass der Tä­ter die phy­si­sche, psy­chi­sche oder se­xu­el­le In­te­gri­tät ei­ner an­de­ren Per­son schwer be­ein­träch­tigt hat oder be­ein­träch­ti­gen woll­te. Das Op­fer B.________ ha­be ob­jek­tiv wie sub­jek­tiv kei­ne schwe­re Be­ein­träch­ti­gung er­lit­ten. An­ders als die Vor­in­stanz ha­be das Straf­ge­richt ei­ne Ver­wah­rung zu Recht als un­ver­hält­nis­mäs­sig an­ge­se­hen.

1.2 Die Vor­in­stanz führt aus, das Straf­ge­richt ha­be zu­tref­fend ei­nen en­gen Kon­nex zwi­schen den Straf­ta­ten so­wie der psy­chi­schen Stö­rung be­jaht und sei mit dem Gut­ach­ten zum Schluss ge­langt, dass das Rück­fall­ri­si­ko für wei­te­re schwe­re Ge­walt­de­lik­te als sehr hoch ein­zu­stu­fen und ein ho­hes Ri­si­ko für wei­te­re Dro­gen­de­lin­quenz ge­ge­ben sei­en. Die The­ra­pie­mög­lich­kei­ten sei­en er­schöpft. Ei­ne sta­tio­nä­re Mass­nah­me ge­mäss Art. 59 StGB kom­me nicht mehr in Be­tracht. Das Straf­ge­richt ha­be auf ei­ne Ver­wah­rung ein­zig des­halb ver­zich­tet, weil ei­ne schwe­re Be­ein­träch­ti­gung des Op­fers nicht ge­ge­ben sei. Vor­lie­gend sei die Fra­ge aber theo­re­ti­scher Na­tur, ob ei­ne Ka­ta­log­tat ge­mäss Art. 64 Abs. 1 StGB als sol­che ei­ne schwe­re Be­ein­träch­ti­gung dar­stel­le oder ob es zu­sätz­lich des Nach­wei­ses ei­ner schwe­ren Be­ein­träch­ti­gung im Ein­zel­fall be­dür­fe. Ei­ne schwe­re Be­ein­träch­ti­gung kön­ne nicht zwei­fel­haft sein. Der Be­schwer­de­füh­rer ha­be dem Op­fer ei­ne schar­fe Mes­ser­klin­ge an die Keh­le ge­drückt, wo­bei sich der Ge­sche­hens­ab­lauf kaum mehr durch ihn ha­be be­ein­flus­sen las­sen. Das Op­fer ha­be ei­ne Haut­durch­tren­nung am Hals von 3,8 cm Län­ge er­lit­ten, wel­che mit sechs Ein­zel­knopf­näh­ten ha­be ver­schlos­sen wer­den müs­sen. Die Tat lie­ge sehr na­he an ei­ner ver­such­ten even­tual­vor­sätz­li­chen Tö­tung. Es kön­ne nicht mass­ge­bend sein, dass das Op­fer we­der schwe­re Fol­gen be­klag­te noch the­ra­peu­ti­sche oder me­di­ka­men­tö­se Hil­fe ha­be be­an­spru­chen müs­sen.

1.3 Das Ge­richt ord­net die Ver­wah­rung an, wenn der Tä­ter ei­nen Mord, ei­ne vor­sätz­li­che Tö­tung, ei­ne schwe­re Kör­per­ver­let­zung, ei­ne Ver­ge­wal­ti­gung, ei­nen Raub, ei­ne Gei­sel­nah­me, ei­ne Brand­stif­tung, ei­ne Ge­fähr­dung des Le­bens oder ei­ne an­de­re mit ei­ner Höchst­stra­fe von fünf oder mehr Jah­ren be­droh­te Tat be­gan­gen hat, durch die er die phy­si­sche, psy­chi­sche oder se­xu­el­le In­te­gri­tät ei­ner an­dern Per­son schwer be­ein­träch­tigt hat oder be­ein­träch­ti­gen woll­te (Art. 64 Abs. 1 StGB), und wenn auf Grund ei­ner an­hal­ten­den oder lang­dau­ern­den psy­chi­schen Stö­rung von er­heb­li­cher Schwe­re, mit der die Tat in Zu­sam­men­hang stand, ernst­haft zu er­war­ten ist, dass der Tä­ter wei­te­re Ta­ten die­ser Art be­geht und die An­ord­nung ei­ner Mass­nah­me nach Art. 59 StGB (sta­tio­nä­re the­ra­peu­ti­sche Mass­nah­me) kei­nen Er­folg ver­spricht (Art. 64 Abs. 1 lit. b StGB).

Die Ver­wah­rung setzt als An­lass­tat ei­ne in Art. 64 Abs. 1 StGB um­schrie­be­ne so ge­nann­te Ka­ta­log­tat oder ei­ne an­de­re mit ei­ner Höchst­stra­fe von fünf oder mehr Jah­ren be­droh­te Tat (Auf­fang­tat­be­stand oder Ge­ne­ral­klau­sel) vor­aus. Sie ist nach dem wei­te­ren Wort­laut von Art. 64 Abs. 1 StGB an­zu­ord­nen, wenn der Tä­ter ei­ne "Tat be­gan­gen hat, durch die er die phy­si­sche, psy­chi­sche oder se­xu­el­le In­te­gri­tät ei­ner an­dern Per­son schwer be­ein­träch­tigt hat oder be­ein­träch­ti­gen woll­te".

Es stellt sich die Fra­ge, wie das Kri­te­ri­um der schwe­ren Be­ein­träch­ti­gung ne­ben der Vor­aus­set­zung der im Ge­setz um­schrie­be­nen An­lassta­ten aus­zu­le­gen ist. Das Bun­des­ge­richt hat sich mit die­ser Fra­ge bis­her nicht ver­tieft be­fasst (vgl. aber Ur­teil 6B_1071/2009 vom 22. März 2010 E. 3.1.1).

1.3.1 Das Kri­te­ri­um geht zu­rück auf den Ge­set­zes­ent­wurf vom 29. Ju­ni 2005 zur Än­de­rung des Schwei­ze­ri­schen Straf­ge­setz­buchs (BBl 2005 4727). Die Bot­schaft vom 29. Ju­ni 2005 (BBl 2005 4689) schlug ei­ne Er­wei­te­rung und ei­ne Ein­schrän­kung der Ge­ne­ral­klau­sel vor. Als An­lassta­ten für die Ver­wah­rung soll­ten ne­ben den Ka­ta­log­ta­ten ei­ner­seits nicht nur Ver­bre­chen mit ei­ner Höchst­stra­fe von min­des­tens zehn Jah­ren, son­dern schon sol­che mit ei­ner Höchst­stra­fe von min­des­tens fünf Jah­ren in Be­tracht kom­men. Um die­se Öff­nung in Gren­zen zu hal­ten, wur­de die Ge­ne­ral­klau­sel an­de­rer­seits auf Ver­bre­chen ein­ge­schränkt, mit de­nen Tä­ter die phy­si­sche, psy­chi­sche oder se­xu­el­le In­te­gri­tät der Op­fer schwer be­ein­träch­tig­ten oder be­ein­träch­ti­gen woll­ten (BBl 2005 4711).

Im Stän­de­rat gab die­ser Ge­set­zes­vor­schlag zu kei­nen Er­ör­te­run­gen An­lass (AB 2005 S 1145). Im Na­tio­nal­rat wand­te sich ei­ne Min­der­heit er­folg­los ge­gen die Aus­wei­tung des Ver­wah­rungs­tat­be­stands, ins­be­son­de­re ge­gen die Auf­nah­me der Ge­fähr­dung des Le­bens (AB 2006 N 219 ff.). Der Ver­tre­ter des Bun­des­rats er­klär­te, die in Fra­ge kom­men­den An­lassta­ten sei­en durch den Hin­weis auf ei­ne schwe­re phy­si­sche, psy­chi­sche oder se­xu­el­le Schä­di­gung ein­ge­schränkt wor­den. Straf­ta­ten, die nur ei­ne schwe­re ma­te­ri­el­le Schä­di­gung zur Fol­ge hät­ten, wie bei­spiels­wei­se Dieb­stahl, könn­ten nicht zu ei­ner Ver­wah­rung füh­ren (AB 2006 N 221).

Die Bot­schaft vom 29. Ju­ni 2005 macht deut­lich, dass der Ge­setz­ge­ber die Vor­aus­set­zung der schwe­ren Be­ein­träch­ti­gung der phy­si­schen, psy­chi­schen oder se­xu­el­len In­te­gri­tät nur im Hin­blick auf die Ge­ne­ral­klau­sel the­ma­ti­sier­te. Es ist zwei­fel­haft, ob sich bei ei­ner Ka­ta­log­tat die Fra­ge der schwe­ren Be­ein­träch­ti­gung über­haupt stellt. Es wür­de in­des­sen der ge­sam­ten Ent­ste­hungs­ge­schich­te des Ver­wah­rungs­tat­be­stan­des nicht ge­recht, sie aus­zu­blen­den. Der Bun­des­rat hat­te in sei­ner Bot­schaft zur Än­de­rung des Schwei­ze­ri­schen Straf­ge­setz­buchs vom 21. Sep­tem­ber 1998 an­fäng­lich vor­ge­schla­gen, die Ver­wah­rung von der schwe­ren kör­per­li­chen, see­li­schen und ma­te­ri­el­len Schä­di­gung ab­hän­gig zu ma­chen. Da­mit soll­te ver­hin­dert wer­den, dass "et­wa ei­ne Brand­stif­tung, an un­be­deu­ten­den Ver­mö­gens­wer­ten be­gan­gen", zu ei­ner Ver­wah­rung führt (BBl 1999 2094). Das Par­la­ment war mit die­sem Vor­schlag grund­sätz­lich ein­ver­stan­den, strich aber den Hin­weis auf die Art der Schä­di­gung und be­gnüg­te sich da­mit, dass der Tä­ter durch die An­lass­tat je­man­den "schwer ge­schä­digt hat oder schä­di­gen woll­te" (BBl 2002 8264). Nach dem stän­de­rät­li­chen Be­richt­er­stat­ter ge­schah dies auf­grund ei­ner aus­führ­li­chen De­bat­te in der vor­be­ra­ten­den Kom­mis­si­on, weil kein Kon­sens be­stand, wel­che Be­deu­tung der nä­he­ren Um­schrei­bung der Schä­di­gung zu­kom­men soll­te. Weil die in Art. 64 Abs. 1 StGB ge­nann­ten Straf­ta­ten stets so gra­vie­rend sei­en, dass sie schwe­re Schä­di­gun­gen zur Fol­ge hät­ten, sei zwi­schen den ein­zel­nen Schä­di­gungs­ka­te­go­ri­en nicht zwin­gend zu dif­fe­ren­zie­ren. Der Rich­ter ha­be oh­ne­hin so­wohl die schwe­re Schä­di­gung als auch al­le üb­ri­gen Vor­aus­set­zun­gen ge­mäss Art. 64 Abs. 1 StGB zu be­ur­tei­len (AB 1999 S 1224).

Ins­ge­samt lässt sich der Schluss zie­hen, dass der Ge­setz­ge­ber da­von aus­ging, ei­ne Ver­wah­rung sei nur un­ter qua­li­fi­zier­ten Vor­aus­set­zun­gen mög­lich. Die blos­se Er­fül­lung ei­nes An­lasstat­be­stan­des ge­nügt nicht. Die Kon­kre­ti­sie­rung die­ser Qua­li­fi­zie­rung soll­te den Ge­rich­ten über­las­sen wer­den.

1.3.2 In der Li­te­ra­tur wird das Kri­te­ri­um der schwe­ren Be­ein­träch­ti­gung als zu­sätz­li­ches Er­for­der­nis so­wohl bei den Ka­ta­log­ta­ten als auch für Straf­ta­ten im Sin­ne des Auf­fang­tat­be­stan­des be­trach­tet (TRECH­SEL/PAU­EN BO­RER, in: Schwei­ze­ri­sches Straf­ge­setz­buch, Pra­xis­kom­men­tar, 2. Aufl. 2013, Art. 64 N. 5 mit Hin­wei­sen). Nach der Kon­zep­ti­on des Ge­set­zes soll­te die Ver­wah­rung nur noch Tä­ter tref­fen, die schwe­re Straf­ta­ten be­gan­gen hat­ten. Auf­grund der Ge­ne­ral­klau­sel gilt dies prak­tisch für al­le Ver­bre­chen (STRA­TEN­WERTH, Schwei­ze­ri­sches Straf­recht, All­ge­mei­ner Teil II, Stra­fen und Mass­nah­men, 2. Aufl. 2006, § 12 N. 3). So­mit bleibt die Schwie­rig­keit, wel­che Be­ein­träch­ti­gung als schwer zu qua­li­fi­zie­ren ist. STRA­TEN­WERTH ver­weist auf den Ge­sichts­punkt der Ver­hält­nis­mäs­sig­keit, so dass nur An­lassta­ten in Be­tracht kom­men, die so schwer wie­gen, dass die Ge­fahr ih­rer Wie­der­ho­lung die­sen schwers­ten Ein­griff in die Per­sön­lich­keits­rech­te ei­nes Men­schen zu recht­fer­ti­gen ver­mag (STRA­TEN­WERTH/WOH­LERS, Schwei­ze­ri­sches Straf­ge­setz­buch, Hand­kom­men­tar, 3. Aufl. 2013, Art. 64 N. 4). Auch für PE­TER AL­BRECHT (Die Ver­wah­rung nach Art. 64 StGB, AJP 9/2009 S. 1118) spricht das Ge­setz mit der schwe­ren Be­ein­träch­ti­gung den Ver­hält­nis­mäs­sig­keits­grund­satz an und be­zieht sich die Li­mi­tie­rung so­wohl auf die Ka­ta­log­ta­ten wie auf die Ge­ne­ral­klau­sel. Aus sei­ner Sicht soll­te ei­ne Ver­wah­rung erst bei ei­ner Frei­heits­stra­fe von drei Jah­ren in Be­tracht ge­zo­gen wer­den.

1.3.3 Das Ge­setz ist nach sei­nem Sinn und Zweck aus­zu­le­gen, wo­bei vom Wort­laut aus­zu­ge­hen ist (BGE 137 IV 290 E. 3.3). Die Ge­set­zes­ma­te­ria­li­en sind ge­ge­be­nen­falls bei­zu­zie­hen (BGE 137 IV 249 E. 3.2). Der Wort­laut ist ein­deu­tig. Das in ei­nem Re­la­tiv­satz for­mu­lier­te Kri­te­ri­um be­zieht sich so­wohl auf die Ka­ta­log­ta­ten wie auf die Ge­ne­ral­klau­sel (Tat be­gan­gen hat, durch die er; in­frac­tion ..., par laquel­le il; rea­to ..., con il qua­le). Nach den Ge­set­zes­ma­te­ria­li­en ist die Ver­wah­rung nur un­ter qua­li­fi­zier­ten Vor­aus­set­zun­gen an­zu­ord­nen und das Kri­te­ri­um der schwe­ren Be­ein­träch­ti­gung ein­schrän­kend aus­zu­le­gen. Auch die Li­te­ra­tur ver­steht die­ses Kri­te­ri­um ein­schrän­kend und be­zieht es auf Ka­ta­log­ta­ten wie Straf­ta­ten im Sin­ne der Ge­ne­ral­klau­sel. Das Ge­setz ver­weist da­mit aus­drück­lich auf den Ver­hält­nis­mäs­sig­keits­grund­satz.

Die Ver­wah­rung zählt zu den schwers­ten Ein­grif­fen in die Per­sön­lich­keits­rech­te ei­nes Straf­tä­ters über­haupt. Das Ge­setz sieht die Ver­wah­rung als ul­ti­ma ra­tio (BGE 134 IV 121 E. 3.4.4; 118 IV 108 E. 2a) nach Be­ge­hung schwe­rer Straf­ta­ten vor, und zwar un­ter der Vor­aus­set­zung, dass auf Grund der Per­sön­lich­keits­merk­ma­le des Tä­ters, der Tat­um­stän­de und sei­ner ge­sam­ten Le­bens­um­stän­de (Art. 64 Abs. 1 lit. a StGB) oder auf Grund ei­ner psy­chi­schen Stö­rung von er­heb­li­cher Schwe­re (Art. 64 Abs. 1 lit. b StGB) ernst­haft zu er­war­ten ist, dass er "wei­te­re Ta­ten die­ser Art be­geht". Die­se Vor­aus­set­zun­gen gel­ten für Ka­ta­log­ta­ten und Straf­ta­ten nach der Ge­ne­ral­klau­sel in glei­cher Wei­se, wes­halb das Kri­te­ri­um der schwe­ren Be­ein­träch­ti­gung auch auf bei­de Ka­te­go­ri­en von Straf­ta­ten An­wen­dung fin­den muss (eben­so be­reits Ur­teil 6B_1071/2009 vom 22. März 2010 E. 3.1.1).

Nach Wort­laut, Sinn und Zweck der Be­stim­mung kom­men nur "schwe­re" Straf­ta­ten in Be­tracht, und zwar so­wohl als An­lassta­ten wie als ernst­haft zu er­war­ten­de Fol­ge­ta­ten. Dem ent­spricht das Kri­te­ri­um der schwe­ren Be­ein­träch­ti­gung in Art. 64 Abs. 1 StGB. Ihm kommt wei­ter ei­ne ei­gen­stän­di­ge Be­deu­tung in­so­weit zu, als es die Ver­wah­rung bei ei­ner rein "ma­te­ri­el­len" Be­ein­träch­ti­gung aus­schliesst.

Bei der Be­ur­tei­lung der schwe­ren Be­ein­träch­ti­gung ist ein ob­jek­ti­ver Mass­stab an­zu­le­gen (Ur­teil 6B_1071/2009 vom 22. März 2010 E. 3.1.1; HEER, in: Bas­ler Kom­men­tar, Straf­recht I, 2. Aufl. 2007, Art. 64 N. 24; QUE­LOZ/BROS­SARD, in: Com­men­taire ro­mand, Code pénal I, 2009, Art. 64 N. 18).

1.4 Der Be­schwer­de­füh­rer be­strei­tet ei­ne schwe­re Be­ein­träch­ti­gung und be­ruft sich auf die Ar­gu­men­ta­ti­on des Straf­ge­richts. Die­ses ver­zich­te­te auf ei­ne Ver­wah­rung, weil es da­von aus­ging, es las­se sich we­der ei­ne schwe­re Schä­di­gung des Op­fers be­le­gen noch nach­wei­sen, dass der Be­schwer­de­füh­rer ei­ne schwe­re Be­ein­träch­ti­gung der phy­si­schen oder psy­chi­schen In­te­gri­tät be­ab­sich­tigt ha­be. Das Op­fer ha­be vor Ge­richt kei­ne schwer­wie­gen­de Be­ein­träch­ti­gung als Fol­ge des Vor­falls be­klagt und zu kei­nem Zeit­punkt the­ra­peu­ti­sche oder me­di­ka­men­tö­se Hil­fe in An­spruch neh­men müs­sen.

Die Vor­in­stanz folgt die­ser An­sicht zu Recht nicht (oben E. 1.2). Nach Fest­stel­lun­gen des Straf­ge­richts, auf wel­che die Vor­in­stanz ver­weist, han­del­te der Be­schwer­de­füh­rer aus ab­so­lut nich­ti­gem An­lass äus­serst ge­walt­tä­tig. Es hät­te je­de zu­fäl­lig sei­nen Weg kreu­zen­de Per­son tref­fen kön­nen. Die Tat hät­te oh­ne Wei­te­res ei­nen töd­li­chen Aus­gang neh­men kön­nen. Er han­del­te skru­pel­los und mit di­rek­tem Ge­fähr­dungs­vor­satz. Hin­zu kam die ein­fa­che Kör­per­ver­let­zung. Von Ein­sicht oder Reue konn­te kei­ne Re­de sein. Die Tat ist als schwer­wie­gend zu be­zeich­nen. Sie wur­de un­ter Be­rück­sich­ti­gung der leicht ver­min­der­ten Schuld­fä­hig­keit mit fünf Jah­ren Frei­heits­stra­fe ge­ahn­det. Es lässt sich nicht fol­gern, der Be­schwer­de­füh­rer ha­be die phy­si­sche oder psy­chi­sche In­te­gri­tät ei­ner an­de­ren Per­son we­der schwer be­ein­träch­tigt noch be­ein­träch­ti­gen wol­len.

Wie die Vor­in­stanz an­nimmt, ist bei der Be­ur­tei­lung der schwe­ren Be­ein­träch­ti­gung nicht die be­son­de­re in­di­vi­du­el­le Emp­find­lich­keit des Op­fers aus­schlag­ge­bend. Dass die Rechts­auf­fas­sung des Straf­ge­richts nicht zu­tref­fen kann, zeigt die Kon­se­quenz sei­nes Ur­teils. Nach sei­ner Ar­gu­men­ta­ti­on hät­te es un­ter den glei­chen Vor­aus­set­zun­gen die Ver­wah­rung an­ord­nen müs­sen, wenn das Op­fer auf the­ra­peu­ti­sche Hil­fe an­ge­wie­sen ge­we­sen wä­re. Bei ei­ner sol­chen Tat ist nach der Le­bens­er­fah­rung mit ei­ner Trau­ma­ti­sie­rung des Op­fers zu rech­nen. Für die Ver­wah­rung letzt­lich auf ei­ne un­ge­wöhn­lich ro­bus­te psy­chi­sche Kon­sti­tu­ti­on oder auf die "Emp­find­lich­keit" des Op­fers ab­zu­stel­len, wi­der­spricht Sinn und Zweck von Art. 64 StGB.

1.5 Die Ver­wah­rung setzt ge­mäss Art. 64 Abs. 1 lit. b StGB zu­dem vor­aus, dass auf­grund ei­ner schwe­ren psy­chi­schen Stö­rung ernst­haft zu er­war­ten ist, der Tä­ter wer­de wei­te­re Ta­ten die­ser Art be­ge­hen und ei­ne sta­tio­nä­re the­ra­peu­ti­sche Mass­nah­me ver­spre­che kei­nen Er­folg.

Auch in die­ser Hin­sicht ver­weist die Vor­in­stanz auf die Er­wä­gun­gen des Straf­ge­richts. Die­ses er­wähn­te zwei frü­he­re Schuld­sprü­che. Am 21. Ok­to­ber 1994 wur­de der Be­schwer­de­füh­rer vom Straf­ge­richt Ba­sel­land we­gen Rau­bes zu 18 Mo­na­ten Ge­fäng­nis ver­ur­teilt, weil er ei­ne Frau un­ver­mit­telt mit Faust­schlä­gen an­ge­grif­fen so­wie mit ei­nem Mes­ser be­droht und ver­letzt hat­te, um sich ih­rer Hand­ta­sche zu be­mäch­ti­gen. Auf­grund ei­nes pro­gnos­tisch güns­ti­gen Gut­ach­tens wur­de die Stra­fe be­dingt aus­ge­spro­chen und die Wei­ter­füh­rung ei­ner am­bu­lan­ten psych­ia­tri­schen Be­hand­lung an­ge­ord­net. Kur­ze Zeit spä­ter be­ging er ei­nen zwei­ten Raub­über­fall, bei wel­chem er ei­ner ihm den Rü­cken zu­keh­ren­den Kell­ne­rin ein Mes­ser in den Rü­cken stiess, ihr ei­ne Schnitt­ver­let­zung am Hals und zahl­rei­che, teils er­heb­li­che Ver­let­zun­gen an den Hän­den zu­füg­te und an­schlies­send mit dem Ser­vice­porte­mon­naie floh. Das Straf­ge­richt Ba­sel-Stadt ver­ur­teil­te ihn am 20. Ok­to­ber 1995 zu ei­ner Zucht­haus­stra­fe von fünf­ein­halb Jah­ren, wi­der­rief den be­ding­ten Voll­zug und schob bei­de Sank­tio­nen zu­guns­ten ei­ner sta­tio­nä­ren Mass­nah­me auf.

Es folg­ten lang­jäh­ri­ge The­ra­pie­be­mü­hun­gen. Die Fach­kom­mis­si­on zur Be­ur­tei­lung der Ge­mein­ge­fähr­lich­keit von Straf­tä­tern be­jah­te mehr­mals die Ge­mein­ge­fähr­lich­keit des Be­schwer­de­füh­rers. Der ak­tu­el­le Gut­ach­ter dia­gnos­ti­zier­te ei­ne seit Kind­heit und Ju­gend be­ste­hen­de dis­so­zia­le Per­sön­lich­keits­stö­rung und ei­ne mul­ti­ple Stoff­ab­hän­gig­keit. Das Rück­fall­ri­si­ko für wei­te­re schwe­re Ge­walt­de­lin­quenz be­trach­te­te er in ei­ner Ge­samt­be­ur­tei­lung der le­gal­pro­gnos­tisch be­deut­sa­men Fak­to­ren als sehr hoch, na­ment­lich we­gen der dis­so­zia­len Per­sön­lich­keits­stö­rung, der Sucht­pro­ble­ma­tik, der Ag­gres­si­ons­pro­ble­ma­tik, der ho­hen Ge­walt­be­reit­schaft so­wie we­gen ei­ner "Psy­cho­pa­thy". Die Be­deu­tung der de­liktsfrei­en Zeit seit dem Jah­re 2002 re­la­ti­vier­te er klar. Sämt­li­che The­ra­pi­en der letz­ten rund 18 Jah­re blie­ben oh­ne er­kenn­ba­re Wir­kung. Es ist von ei­ner gänz­lich feh­len­den The­ra­pie­be­reit­schaft aus­zu­ge­hen. Die Vor­aus­set­zun­gen der Ver­wah­rung ge­mäss Art. 64 Abs. 1 lit. b StGB sind auch in die­ser Hin­sicht ge­ge­ben.

2.

Die Be­schwer­de ist ab­zu­wei­sen. Das Ge­such um un­ent­gelt­li­che Rechts­pfle­ge ist gut­zu­heis­sen, da die Vor­aus­set­zun­gen er­füllt sind. Es sind kei­ne Kos­ten zu er­he­ben. Der Rechts­ver­tre­ter ist aus der Bun­des­ge­richts­kas­se zu ent­schä­di­gen (Art. 64 BGG).

Dem­nach er­kennt das Bun­des­ge­richt:

1.

Die Be­schwer­de wird ab­ge­wie­sen.

2.

Das Ge­such um un­ent­gelt­li­che Rechts­pfle­ge wird gut­ge­heis­sen.

3.

Es wer­den kei­ne Ge­richts­kos­ten er­ho­ben.

4.

Dem Rechts­ver­tre­ter des Be­schwer­de­füh­rers, Dr. Ste­fan Su­ter, wird aus der Bun­des­ge­richts­kas­se ei­ne Ent­schä­di­gung von Fr. 3'000.-- aus­ge­rich­tet.

5.

Die­ses Ur­teil wird den Par­tei­en und dem Ap­pel­la­ti­ons­ge­richt des Kan­tons Ba­sel-Stadt schrift­lich mit­ge­teilt.

Lau­sanne, 21. De­zem­ber 2012

Im Na­men der Straf­recht­li­chen Ab­tei­lung

des Schwei­ze­ri­schen Bun­des­ge­richts

Der Prä­si­dent: Ma­thys

Der Ge­richts­schrei­ber: Briw

 

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