VB.2017.00016

15. März 2017

Ver­wal­tungs­ge­richt des Kan­tons Zü­rich, 3. Ab­tei­lung

VB.2017.00016

Ur­teil des Ein­zel­rich­ters vom 15. März 2017

Mit­wir­kend: Ver­wal­tungs­rich­ter Ru­dolf Bo­d­mer, Ge­richts­schrei­be­rin Ra­hel Zehn­der

In Sa­chen

Stadt Zü­rich,ver­tre­ten durch die Stadt­po­li­zei Zü­rich, Be­schwer­de­füh­re­rin,

ge­gen

A, ver­tre­ten durch RA B, Be­schwer­de­geg­ner,

be­tref­fend Rayon­ver­bot GW160007,

hat sich er­ge­ben:

I.

A. A, ge­bo­ren 1984, wur­de von der Stadt­po­li­zei Zü­rich be­schul­digt, an­läss­lich des Fuss­ball­spiels zwi­schen dem FC Zü­rich und dem FC Lu­ga­no am 11. Mai 2016 ei­nen ihm per­sön­lich be­kann­ten Po­li­zis­ten wäh­rend des­sen po­li­zei­li­cher Tä­tig­keit nach Spiel­schluss aus­ser­halb des Sta­di­ons an­ge­spuckt zu ha­ben.

B. Ge­gen A wur­de in der Fol­ge Straf­an­zei­ge er­ho­ben we­gen Ge­walt und Dro­hung ge­gen Be­hör­den und Be­am­te. Mit Straf­be­fehl vom 15. Ju­ni 2016 er­kann­te die Staats­an­walt­schaft Zü­rich-Lim­mat A der Ge­walt und Dro­hung ge­gen Be­hör­den und Be­am­te im Sinn von Art. 285 Ziff. 1 des Schwei­ze­ri­schen Straf­ge­setz­buchs vom 21. De­zem­ber 1937 (StGB) schul­dig und be­straf­te ihn mit ei­ner Geld­stra­fe von 100 Ta­ges­sät­zen zu je Fr. 80.-. Der Voll­zug der Geld­stra­fe wur­de un­ter An­set­zung ei­ner Pro­be­zeit von zwei Jah­ren auf­ge­scho­ben. A er­hob ge­gen die­sen Straf­be­fehl Ein­spra­che. Dar­auf­hin er­liess die Staats­an­walt­schaft Zü­rich-Lim­mat am 7. Sep­tem­ber 2016 ei­nen neu­en Straf­be­fehl, mit wel­chem sie A der mehr­fa­chen Be­schimp­fung im Sinn von Art. 177 Abs. 1 StGB schul­dig sprach und mit ei­ner Geld­stra­fe von 60 Ta­ges­sät­zen zu je Fr. 80.- be­straf­te. Der Voll­zug der Geld­stra­fe wur­de zu­guns­ten ei­ner zwei­jäh­ri­gen Pro­be­zeit auf­ge­scho­ben.

C. Mit Ver­fü­gung vom 8. Ju­li 2016 ord­ne­te die Stadt­po­li­zei Zü­rich ge­gen­über A ei­ne Mel­de­auf­la­ge für die Zeit vom 8. Ju­li 2016 bis 30. Ju­ni 2017 an. Da­ge­gen liess A am 25. Ju­li 2016 Be­schwer­de am Zwangs­mass­nah­men­ge­richt des Be­zirks­ge­richts Zü­rich er­he­ben und be­an­tra­gen, die Mel­de­auf­la­ge sei auf­zu­he­ben. In pro­zes­sua­ler Hin­sicht be­an­trag­te er die Ge­wäh­rung der auf­schie­ben­den Wir­kung der Be­schwer­de. Mit Ver­fü­gung vom 9. Au­gust 2016 wies das Zwangs­mass­nah­men­ge­richt den An­trag um Ge­wäh­rung der auf­schie­ben­den Wir­kung der Be­schwer­de ab. Am 6. Sep­tem­ber 2016 hob die Stadt­po­li­zei Zü­rich die an­ge­foch­te­ne Ver­fü­gung wie­der­er­wä­gungs­wei­se auf und er­liess ei­ne neue Ver­fü­gung. Mit die­ser ord­ne­te sie ge­gen­über A bis am 30. Ju­ni 2017 bei Fuss­ball­spie­len der ers­ten Mann­schaft des FC Zü­rich ein Rayon­ver­bot für die Rayons B, D und E in Zü­rich so­wie bei Heim­spie­len des Gras­shop­per Clubs Zü­rich ein Rayon­ver­bot für die Rayons D und E in Zü­rich wäh­rend ei­nes Zeit­raums von vier Stun­den vor bis vier Stun­den nach dem Fuss­ball­spiel an. Im glei­chen Zeit­raum sei bei Fuss­ball­spie­len des FC Zü­rich das Be­tre­ten des Rayons so­wie das Ver­wei­len dar­in wäh­rend ei­nes Zeit­raums von vier Stun­den vor bis vier Stun­den nach dem Fuss­ball­spiel am Aus­tra­gungs­ort un­ter­sagt. Die Rayons dürf­ten auf dem di­rek­ten Ar­beits­weg so­wie auf dem di­rek­ten Weg zu bzw. von sei­nem Wohn- bzw. Aus­bil­dungs­ort be­tre­ten wer­den. Die Bahn­hö­fe im Rayon­pe­ri­me­ter dür­fe A zu Um­stei­ge­zwe­cken, aus­ge­nom­men von und zu den ge­nann­ten Ver­an­stal­tun­gen, be­tre­ten. Dar­auf­hin schrieb das Zwangs­mass­nah­men­ge­richt das Ver­fah­ren be­tref­fend Mel­de­auf­la­ge mit Ver­fü­gung vom 29. Sep­tem­ber 2016 als ge­gen­stands­los ab.

II.

Nach­dem A be­reits im Ver­fah­ren be­tref­fend Mel­de­auf­la­ge er­klärt hat­te, er sei auch mit ei­nem Rayon­ver­bot nicht ein­ver­stan­den, fass­te das Zwangs­mass­nah­men­ge­richt dies als sinn­ge­mäs­se Be­schwer­de ge­gen das ver­füg­te Rayon­ver­bot auf und er­öff­ne­te ein neu­es Ver­fah­ren. Mit Ver­fü­gung vom 3. Ok­to­ber 2016 setz­te es A Frist zur Er­klä­rung an, ob er an sei­ner Be­schwer­de ge­gen das Rayon­ver­bot fest­hal­te. Mit Ein­ga­be vom 17. Ok­to­ber 2016 hielt er an sei­ner Be­schwer­de fest und be­grün­de­te die­se. Am 22. No­vem­ber 2016 hiess das Zwangs­mass­nah­men­ge­richt die Be­schwer­de gut und hob das mit Ver­fü­gung der Stadt­po­li­zei Zü­rich vom 6. Sep­tem­ber 2016 an­ge­ord­ne­te Rayon­ver­bot auf.

III.

A. Da­ge­gen ge­lang­te die Stadt­po­li­zei Zü­rich mit Be­schwer­de vom 10. Ja­nu­ar 2017 an das Ver­wal­tungs­ge­richt und be­an­trag­te, die Ver­fü­gung des Zwangs­mass­nah­men­ge­richts vom 22. No­vem­ber 2016 sei auf­zu­he­ben und die ei­ge­ne Ver­fü­gung vom 6. Sep­tem­ber 2016 zu be­stä­ti­gen; al­les un­ter Kos­ten- und Ent­schä­di­gungs­fol­gen zu­las­ten des Be­schwer­de­geg­ners. In pro­zes­sua­ler Hin­sicht be­an­trag­te sie, die Ak­ten der Vor­in­stanz so­wie die Straf­ak­ten der Staats­an­walt­schaft Zü­rich-Lim­mat sei­en bei­zu­zie­hen.

B. Mit Ein­ga­be vom 25. Ja­nu­ar 2017 be­an­trag­te A vor­ab, der Be­schwer­de sei die auf­schie­ben­de Wir­kung zu ent­zie­hen. Die Stadt­po­li­zei Zü­rich be­an­trag­te am 6. Fe­bru­ar 2017 die Ab­wei­sung die­ses Ge­suchs. Mit Ver­fü­gung vom 7. Fe­bru­ar 2017 wies das Ver­wal­tungs­ge­richt das Ge­such um Ent­zug der auf­schie­ben­den Wir­kung der Be­schwer­de ab.

C. Die Straf­ak­ten der Staats­an­walt­schaft Zü­rich-Lim­mat wur­den bei­ge­zo­gen, was den Par­tei­en mit Prä­si­di­al­ver­fü­gung vom 12. Ja­nu­ar 2017 an­ge­zeigt wur­de. Das Zwangs­mass­nah­men­ge­richt ver­zich­te­te am 18. Ja­nu­ar 2017 auf ei­ne Ver­nehm­las­sung. Am 15. Ja­nu­ar (rec­te: Fe­bru­ar) 2017 reich­te A die Be­schwer­de­ant­wort ein und be­an­trag­te die Ab­wei­sung der Be­schwer­de. Mit Ein­ga­be vom 1. März 2017 ver­zich­te­te die Stadt­po­li­zei Zü­rich auf ei­ne wei­te­re Ver­nehm­las­sung.

Der Ein­zel­rich­ter er­wägt:

1.

Die vor­lie­gend an­ge­foch­te­ne Ver­fü­gung be­trifft ein Rayon­ver­bot im Sinn von Art. 4 des Kon­kor­dats über Mass­nah­men ge­gen Ge­walt an­läss­lich von Sport­ver­an­stal­tun­gen vom 15. No­vem­ber 2007 (fort­an: Kon­kor­dat). Der Text des Kon­kor­dats, dem auch der Kan­ton Zü­rich bei­ge­tre­ten ist, fin­det sich im An­hang des Ge­set­zes vom 18. Mai 2009 über den Bei­tritt zum Kon­kor­dat über Mass­nah­men ge­gen Ge­walt an­läss­lich von Sport­ver­an­stal­tun­gen. Das Ver­wal­tungs­ge­richt ist zur Be­ur­tei­lung von Be­schwer­den erst­in­stanz­li­cher Zi­vil­ge­rich­te be­tref­fend Mass­nah­men nach Art. 4–9 des Kon­kor­dats zu­stän­dig (§ 43 Abs. 1 lit. c des Ver­wal­tungs­rechts­pfle­ge­ge­set­zes vom 24. Mai 1959 [VRG]). Der vor­lie­gen­de Fall ist ein­zel­rich­ter­lich zu be­ur­tei­len, da er nicht von grund­sätz­li­cher Be­deu­tung ist (§ 38b Abs. 1 lit. d Ziff. 4 und § 38b Abs. 2 VRG).

2.

2.1 Das Kon­kor­dat stellt spe­zi­fi­sches Po­li­zei­recht dar. Es ist auf die be­son­de­re Er­schei­nung der Ge­walt an Sport­ver­an­stal­tun­gen aus­ge­rich­tet und be­zweckt, mit spe­zi­el­len kas­ka­den­ar­tig auf­ein­an­der ab­ge­stimm­ten Mass­nah­men wie Rayon­ver­bo­ten, Mel­de­auf­la­gen und Po­li­zei­ge­wahr­sam sol­che Ge­walt­ta­ten zu ver­hin­dern und auf die­se Wei­se ei­ne fried­li­che Durch­füh­rung von gros­sen Sport­an­läs­sen zu er­mög­li­chen. Da­bei steht die Prä­ven­ti­on im Vor­der­grund. Die im Kon­kor­dat vor­ge­se­he­nen Mass­nah­men sol­len der Ge­fähr­dung der öf­fent­li­chen Si­cher­heit durch Ge­walt­ta­ten un­ter­schied­lichs­ter Art ent­ge­gen­wir­ken (BGE 140 I 2 E. 5.1 und E. 6.1; BGE 137 I 31 E. 3 und E. 4.3). Art. 2 des Kon­kor­dats ent­hält ei­ne nicht ab­schlies­sen­de Auf­zäh­lung von Ver­hal­tens­wei­sen, wel­che als ge­walt­tä­tig ein­zu­stu­fen sind. Bei al­len dar­in ge­nann­ten Straf­be­stim­mun­gen ist die An­wen­dung oder die An­dro­hung von Ge­walt das zen­tra­le Tat­be­stands­merk­mal, wo­bei Ge­walt als Ein­satz der phy­si­schen Kraft ge­gen Per­so­nen oder Sa­chen zu ver­ste­hen ist (vgl. da­zu die Emp­feh­lun­gen der Kon­fe­renz der Kan­to­na­len Jus­tiz- und Po­li­zei­di­rek­to­rin­nen und -di­rek­to­ren [KKJPD] über die Um­set­zung von Mass­nah­men des Kon­kor­da­tes über Mass­nah­men ge­gen Ge­walt an­läss­lich von Sport­ver­an­stal­tun­gen vom 31. Ja­nu­ar 2014 [Emp­feh­lun­gen der KKJPD], S. 3 f.). Da­zu ge­hö­ren nicht nur schwe­re For­men von Ge­walt, son­dern auch we­ni­ger schwer­wie­gen­de Über­tre­tun­gen wie zum Bei­spiel Tät­lich­kei­ten. Nach Art. 4 Abs. 1 des Kon­kor­dats kann ge­gen­über ei­ner Per­son, die sich an­läss­lich von Sport­ver­an­stal­tun­gen nach­weis­lich an Ge­walt­tä­tig­kei­ten ge­gen Per­so­nen oder Sa­chen be­tei­ligt hat, ein Rayon­ver­bot aus­ge­spro­chen wer­den. Grund­sätz­lich ist es so­mit nicht aus­ge­schlos­sen, ein Rayon­ver­bot zur Ver­hin­de­rung von Über­tre­tun­gen zu ver­fü­gen, wel­che als ge­walt­tä­ti­ges Ver­hal­ten im Sinn von Art. 2 des Kon­kor­dats zu qua­li­fi­zie­ren sind (BGE 140 I 2 E. 11.2.2).

2.2 Al­ler­dings ist ge­mäss der bun­des­ge­richt­li­chen Recht­spre­chung bei "nur ge­ring­fü­gi­gen Tät­lich­kei­ten oder an­de­ren ge­ring­fü­gi­gen Wi­der­hand­lun­gen […] auf ei­ne Mass­nah­me zu ver­zich­ten, weil sie nicht ver­hält­nis­mäs­sig wä­re". Die Be­hör­den dür­fen nur Mass­nah­men ver­fü­gen, die sich be­zo­gen auf das je­wei­li­ge Ver­hal­ten und das Ziel der Ge­walt­prä­ven­ti­on als ver­hält­nis­mäs­sig er­wei­sen. Der Grund­satz der Ver­hält­nis­mäs­sig­keit ver­langt, dass ei­ne Mass­nah­me für das Er­rei­chen des im öf­fent­li­chen oder pri­va­ten In­ter­es­se lie­gen­den Ziels ge­eig­net und er­for­der­lich ist und sich für die be­trof­fe­ne Per­son in An­be­tracht der Schwe­re der Grund­recht­s­ein­schrän­kung als zu­mut­bar er­weist (BGE 140 I 2 E. 8 und E. 9.2.2).

3.

3.1 Die Vor­in­stanz stell­te für den Nach­weis des ge­walt­tä­ti­gen Ver­hal­tens auf den Straf­be­fehl ab und sah sich dar­an ge­bun­den. Der Tat­be­stand der Be­schimp­fung sei kei­ne Ka­ta­log­tat ge­mäss Art. 2 Abs. 1 des Kon­kor­dats. Da der Ka­ta­log aber nicht ab­schlies­send sei, sei den­noch zu prü­fen, ob die Be­schimp­fung "ge­walt­tä­ti­ges Ver­hal­ten und Ge­walt­tä­tig­kei­ten" im Sinn des Kon­kor­dats dar­stel­le. Die Be­schimp­fung stel­le we­der den Ein­satz phy­si­scher Kraft ge­gen ei­ne Per­son dar noch er­schei­ne sie – je­den­falls im vor­lie­gen­den Fall – ge­eig­net, die öf­fent­li­che Si­cher­heit oder die fried­li­che Durch­füh­rung des Sport­an­las­ses zu ge­fähr­den. Das Ver­hal­ten des Be­schwer­de­geg­ners kön­ne so­mit nicht als Ge­walt­tä­tig­keit im Sinn des Kon­kor­dats ver­stan­den wer­den. Auch wenn der Be­schimp­fung ei­ne Tät­lich­keit in Form des An­spu­ckens zu­grun­de lie­gen soll­te, er­schei­ne dies nicht als der­art gra­vie­rend, dass sich die An­ord­nung ei­ner Mass­nah­me als ge­recht­fer­tigt er­wei­sen wür­de, kön­ne dar­in doch kei­ne Ge­fähr­dung der öf­fent­li­chen Si­cher­heit oder der fried­li­chen Spiel­durch­füh­rung ge­se­hen wer­den. Selbst wenn das Ge­richt den Sach­ver­halt selb­stän­dig wür­di­gen und auf ei­ne all­fäl­li­ge durch die Be­schimp­fung kon­su­mier­te Tät­lich­keit durch An­spu­cken> ab­stel­len wür­de und das Ver­hal­ten des Be­schwer­de­geg­ners als Tät­lich­keit oder Ge­walt und Dro­hung ge­gen Be­hör­den und Be­am­te qua­li­fi­zier­te, sei das Kon­kor­dat ein­zig auf die Vor­beu­gung von Ge­walt aus­ge­rich­tet und er­schie­nen die vor­ge­se­he­nen kon­kre­ten Mass­nah­men nach Art und Schwe­re nicht als Be­stra­fung für ge­walt­tä­ti­ges Ver­hal­ten. Die Be­schimp­fung, soll­te ihr auch ei­ne Tät­lich­keit in Form des An­spu­ckens zu­grun­de lie­gen, er­schei­ne nicht als der­art gra­vie­rend, dass sich die An­ord­nung ei­ner Mass­nah­me als ge­recht­fer­tigt er­wei­sen wür­de, kön­ne dar­in doch kei­ne Ge­fähr­dung der öf­fent­li­chen Si­cher­heit oder der fried­li­chen Spiel­durch­füh­rung ge­se­hen wer­den. Im Er­geb­nis sei im Ver­hal­ten des Be­schwer­de­geg­ners kei­ne Ge­walt­tä­tig­keit im Sinn des Kon­kor­dats zu er­bli­cken, wes­halb kein Rayon­ver­bot an­ge­ord­net wer­den dür­fe.

3.2 Da­ge­gen wen­det die Be­schwer­de­füh­re­rin ein, die Staats­an­walt­schaft ha­be bei der Rechts­an­wen­dung nicht sämt­li­che Rechts­fra­gen ab­ge­klärt. Sie ha­be die Fra­ge der Kon­kur­renz zwi­schen Art. 177 und Art. 285 StGB gänz­lich un­be­rück­sich­tigt ge­las­sen. Die Vor­in­stanz ha­be es zu Un­recht un­ter­las­sen, in Be­zug auf den De­likt­ka­ta­log in Art. 2 Abs. 1 des Kon­kor­dats ei­ne ei­ge­ne recht­li­che Wür­di­gung des Sach­ver­halts vor­zu­neh­men. Dies sei bei der An­wen­dung des Kon­kor­dats auch des­halb an­ge­zeigt, weil die Be­schwer­de­füh­re­rin in den Straf­ver­fah­ren re­gel­mäs­sig man­gels Par­tei­stel­lung sel­ber kei­ne Mög­lich­kei­ten ha­be, auf ei­ne un­voll­stän­di­ge Rechts­an­wen­dung durch die Staats­an­walt­schaft Ein­fluss zu neh­men. Ab­ge­se­hen da­von, dass bei voll­stän­di­ger straf­recht­li­cher Wür­di­gung die Ka­ta­log­tat ge­mäss Art. 2 Abs. 1 lit. i des Kon­kor­dats vor­lie­ge, stel­le auch die Be­schimp­fung, be­gan­gen in Form ei­ner tät­li­chen Be­lei­di­gung, ei­ne Ge­walt­tä­tig­keit im Sinn des Kon­kor­dats dar. Die tät­li­che Be­schimp­fung tan­gie­re nicht nur die Eh­re der be­trof­fe­nen Per­son, son­dern be­ein­träch­ti­ge das Rechts­gut Leib und Le­ben bzw. die kör­per­li­che In­te­gri­tät. Das Ver­hal­ten stel­le da­mit ei­ne Ge­walt­tä­tig­keit im Sinn des Kon­kor­dats dar, wes­halb die An­ord­nung ei­nes Rayon­ver­bots mög­lich ge­we­sen sei. Zu­dem sei­en die Tat­be­stän­de Be­schimp­fung und Ge­walt und Dro­hung ge­gen Be­hör­den und Be­am­te als Ver­ge­hen zu qua­li­fi­zie­ren, stell­ten al­so kei­ne blos­sen Über­tre­tun­gen dar. Der Be­schwer­de­geg­ner sei äus­serst ge­zielt vor­ge­gan­gen. Es lie­ge kei­ne ge­ring­fü­gi­ge Wi­der­hand­lung mehr vor, bei wel­cher auf ei­ne Kon­kor­dats­mass­nah­me zu ver­zich­ten wä­re. Der Be­schwer­de­geg­ner ha­be auf ein­drück­li­che Wei­se ge­zeigt, wie sich sei­ne Ag­gres­sio­nen im An­schluss an ein Fuss­ball­spiel un­kon­trol­liert ge­gen­über ei­nem Po­li­zei­mit­ar­bei­ten­den ent­la­den hät­ten. Sein Po­ten­zi­al zu ge­walt­tä­ti­gem Ver­hal­ten lie­ge da­mit auf der Hand. So­dann sei sei­ne Tat im An­schluss an das Fuss­ball­spiel aus ei­ner ge­walt­be­rei­ten Fan­grup­pie­rung her­aus er­folgt. Sei­ne Hand­lung sei durch­aus ge­eig­net ge­we­sen, dass die auf­sei­ten der Fan­grup­pe be­ste­hen­de ag­gres­si­ve Grund­hal­tung es­ka­liert und die Si­cher­heit der Be­am­ten da­durch mas­siv ge­fähr­det wor­den wä­re. Der Be­schwer­de­geg­ner sei be­reits an an­de­ren Fuss­ball­spie­len ne­ga­tiv auf­ge­fal­len, was bis­lang je­doch nicht zur An­ord­nung von Mass­nah­men nach dem Kon­kor­dat ge­führt ha­be. Schliess­lich sei­en die Ein­schrän­kun­gen durch das Rayon­ver­bot nicht un­zu­mut­bar.

3.3 Der Be­schwer­de­geg­ner rügt, das Rayon­ver­bot sei in Ver­let­zung des recht­li­chen Ge­hörs er­gan­gen. Die Vor­in­stanz ha­be zwar ei­ne Ver­let­zung des recht­li­chen Ge­hörs be­jaht, al­ler­dings im Ur­teil fest­ge­hal­ten, dass dies auf den vor­lie­gen­den Fall kei­nen Ein­fluss ha­be, da das Rayon­ver­bot nicht im üb­li­chen Rah­men, son­dern wie­der­er­wä­gungs­wei­se im Rechts­mit­tel­ver­fah­ren er­gan­gen sei. Nach An­sicht des Be­schwer­de­geg­ners kön­ne es aber nicht dar­auf an­kom­men, in wel­chem Zu­sam­men­hang das Rayon­ver­bot er­las­sen wor­den sei. Es blei­be da­bei, dass er sich nur im Rah­men ei­nes kost­spie­li­gen ge­richt­li­chen Ver­fah­rens ha­be äus­sern kön­nen. Da­mit kön­ne der gra­vie­ren­de recht­li­che Man­gel, an wel­chem die Ver­fü­gung lei­de, nicht be­ho­ben wer­den. Viel­mehr sei auf­grund der sys­te­ma­ti­schen Ver­wei­ge­rung des An­spruchs auf recht­li­ches Ge­hör das Rayon­ver­bot auf­zu­he­ben. Aus­ser­dem sei sein Ver­hal­ten als Be­schimp­fung und nicht als Tät­lich­keit oder als Ge­walt und Dro­hung ge­gen Be­am­te und Be­hör­den zu qua­li­fi­zie­ren. Der Staats­an­walt ha­be die­se Auf­fas­sung ge­teilt und ent­spre­chend ei­nen neu­en – rechts­kräf­ti­gen – Straf­be­fehl we­gen Be­schimp­fung er­las­sen. Der vor­lie­gen­de Sach­ver­halt kön­ne nicht mit den zi­tier­ten Ur­tei­len des Zür­cher Ober­ge­richts ver­gli­chen wer­den, ha­be doch der Be­schwer­de­geg­ner dem Po­li­zis­ten nicht ins Ge­sicht ge­spuckt. Es sei ob­jek­tiv prak­tisch un­mög­lich, aus meh­re­ren Me­tern Dis­tanz je­man­den beim Spu­cken ins Ge­sicht zu tref­fen. Der rechts­kräf­ti­ge Straf­be­fehl sei zu be­rück­sich­ti­gen, wes­halb der Nach­weis der Ge­walt­tä­tig­keit nicht er­bracht sei und kei­ne Mass­nah­me ge­stützt auf das Kon­kor­dat ver­fügt wer­den kön­ne. Der Be­schwer­de­geg­ner be­daue­re sein Ver­hal­ten. Es be­stün­den kei­ne An­zei­chen, dass von ihm ei­ne Ge­fahr aus­ge­he. Es sei nicht klar, in­wie­fern die Mass­nah­me für das Ziel der Ge­walt­prä­ven­ti­on im vor­lie­gen­den Fall not­wen­dig, ge­eig­net und da­mit ver­hält­nis­mäs­sig sein soll. Zu be­rück­sich­ti­gen sei, dass das Rayon­ver­bot für den Be­schwer­de­geg­ner auf­grund sei­nes Wohn- und Ar­beits­or­tes un­zu­mut­bar und da­mit un­ver­hält­nis­mäs­sig sei.

4.

Der Be­schwer­de­geg­ner be­strei­tet nicht, nach ei­nem Fuss­ball­spiel aus­ser­halb des Sta­di­ons ein Mit­glied der Be­schwer­de­füh­re­rin ver­bal be­schimpft und an­ge­spuckt zu ha­ben. Strei­tig ist je­doch, wie die­ser Vor­gang recht­lich zu wür­di­gen ist. Das Zwangs­mass­nah­men­ge­richt sah sich an die recht­li­che Wür­di­gung der Staats­an­walt­schaft im Straf­be­fehl ge­bun­den.

4.1 Wie die Be­schwer­de­füh­re­rin rich­tig vor­bringt, ist das Ver­wal­tungs­ge­richt grund­sätz­lich frei in sei­ner Be­weis­wür­di­gung. Der Grund­satz der frei­en Be­weis­wür­di­gung wird aber re­la­ti­viert, wenn ein ver­wal­tungs­recht­lich zu wür­di­gen­der Sach­ver­halt zu­vor be­reits straf­recht­lich ge­wür­digt wur­de. Um wi­der­sprüch­li­che Ur­tei­le zu ver­hin­dern, sind die Ver­wal­tungs­in­stan­zen ins­be­son­de­re dann an die straf­recht­li­che Wür­di­gung ge­bun­den, wenn die recht­li­che Qua­li­fi­ka­ti­on stark von Tat­sa­chen ab­hängt, die das Straf­ge­richt bes­ser kennt, et­wa weil es die be­schul­dig­te Per­son per­sön­lich ein­ver­nom­men hat (Kas­par Plüss in: Alain Grif­fel [Hrsg.], Kom­men­tar zum Ver­wal­tungs­rechts­pfle­ge­ge­setz des Kan­tons Zü­rich [VRG], 3. A., Zü­rich etc. 2014 [Kom­men­tar VRG], § 7 N. 141).

4.2 Im vor­lie­gen­den Fall ist zu be­rück­sich­ti­gen, dass die Staats­an­walt­schaft den Be­schwer­de­geg­ner in ei­nem ers­ten Straf­be­fehl we­gen Ge­walt und Dro­hung ge­gen Be­hör­den und Be­am­te ver­ur­teilt hat­te. Auf die (un­be­grün­de­te) Ein­spra­che des Be­schwer­de­geg­ners hin hob die Staats­an­walt­schaft den Straf­be­fehl auf und ver­ur­teil­te ihn we­gen Be­schimp­fung. Da­bei hat­te die Staats­an­walt­schaft of­fen­bar ei­ne ei­ge­ne Ein­ver­nah­me des Be­schwer­de­geg­ners durch­ge­führt. Aus­ser­dem geht ent­ge­gen der Be­haup­tung der Be­schwer­de­füh­re­rin aus dem Straf­be­fehl nicht her­vor, dass die Staats­an­walt­schaft nicht sämt­li­che Rechts­fra­gen ab­ge­klärt hät­te. Viel­mehr ist aus dem Straf­be­fehl eben ge­ra­de nicht er­sicht­lich, wel­che Rechts­fra­gen die Staats­an­walt­schaft in Er­wä­gung ge­zo­gen hat und wes­halb der Be­schwer­de­geg­ner neu we­gen Be­schimp­fung und nicht we­gen Ge­walt und Dro­hung ge­gen Be­hör­den und Be­am­te ver­ur­teilt wur­de. Be­reits vor die­sem Hin­ter­grund sah sich das Zwangs­mass­nah­men­ge­richt zu Recht an den Straf­be­fehl ge­bun­den; an­dern­falls be­stün­de die Ge­fahr wi­der­sprüch­li­cher Ur­tei­le.

Hin­zu kommt, dass das be­trof­fe­ne Mit­glied der Be­schwer­de­füh­re­rin, C, im Ver­fah­ren vor der Staats­an­walt­schaft durch­aus Par­tei­stel­lung hat­te, kon­sti­tu­ier­te er sich doch als Pri­vat­klä­ger. Ent­ge­gen der Be­haup­tung der Be­schwer­de­füh­re­rin hät­te der be­trof­fe­ne Po­li­zist da­her oh­ne Wei­te­res die Mög­lich­keit ge­habt, den Straf­be­fehl an­zu­fech­ten und auf die­sem Weg ei­ne un­voll­stän­di­ge Rechts­an­wen­dung oder ei­ne fal­sche recht­li­che Wür­di­gung des Sach­ver­halts zu rü­gen (vgl. BGE 141 IV 231 E. 2.5 f.).

Nach­dem sich das Zwangs­mass­nah­men­ge­richt zu Recht an den Straf­be­fehl ge­bun­den sah, kann of­fen­blei­ben, ob ne­ben dem Tat­be­stand der Be­schimp­fung auch je­ner der Ge­walt und Dro­hung ge­gen Be­hör­den und Be­am­te er­füllt sein könn­te, wie dies die Be­schwer­de­füh­re­rin gel­tend macht. Im­mer­hin gel­ten Ge­richts­ur­tei­le ge­mäss Art. 3 Abs. 1 lit. a des Kon­kor­dats als Nach­weis für ge­walt­tä­ti­ges Ver­hal­ten. Der rechts­kräf­ti­ge Straf­be­fehl hat die glei­che Wir­kung wie ein im or­dent­li­chen Ver­fah­ren er­gan­ge­nes Ge­richts­ur­teil. Folg­lich ist der rechts­kräf­ti­ge Straf­be­fehl dem Ge­richts­ur­teil gleich­ge­stellt, wes­halb die­ser als Nach­weis für ge­walt­tä­ti­ges Ver­hal­ten gilt.

5.

Die Be­schwer­de­füh­re­rin macht gel­tend, dass be­reits die Be­schimp­fung, be­gan­gen in Form ei­ner tät­li­chen Be­lei­di­gung, ent­ge­gen der An­sicht der Vor­in­stanz ei­ne Ge­walt­tä­tig­keit im Sinn des Kon­kor­dats dar­stel­le.

5.1 Aus dem Straf­be­fehl er­gibt sich nicht ein­deu­tig, ob der Be­schimp­fung ei­ne Tät­lich­keit oder ei­ne Ge­bär­de zu­grun­de liegt. Das An­spu­cken ins Ge­sicht wur­de vom Zür­cher Ober­ge­richt zwar als Tät­lich­keit qua­li­fi­ziert, die nicht mehr im Ba­ga­tell­be­reich an­zu­sie­deln sei. Das An­spu­cken ei­nes Men­schen, zu­mal in des­sen Ge­sicht, sei ei­ne Hand­lung, wel­che mas­si­ven Ekel her­vor­ru­fe. Ei­ne Spuckat­ta­cke ins Ge­sicht sei als be­son­ders wi­der­lich zu be­ur­tei­len und zu­dem ge­eig­net, ein deut­li­ches Miss­be­ha­gen her­vor­zu­ru­fen, weil da­durch auch das Ri­si­ko ei­ner mög­li­chen An­ste­ckung durch al­len­falls in­fi­zier­ten Spei­chel nicht aus­ge­schlos­sen wer­den kön­ne (OGr, 16. Mai 2014, SB130278, E. IV.3.1; OGr, 8. Ju­li 2011, SB110261, E. IV.2.1). In ei­nem neue­ren Ent­scheid er­wog das Zür­cher Ober­ge­richt, dass das An­spu­cken des Ge­sichts die Ver­ach­tung be­son­ders dras­tisch aus­drü­cke und für den Be­trof­fe­nen, dem schlei­mi­ge Kör­per­flüs­sig­keit über­ra­schend auf die Ge­sichts­haut, die Au­gen und al­len­falls in Öff­nun­gen wie Na­se und Mund ge­spritzt wer­de, über­aus ekel­er­re­gend sei. Es kam al­ler­dings zum Schluss, dass ein sol­ches Ver­hal­ten zu den schwer­wie­gen­den For­men der Be­schimp­fung ge­hö­re (OGr, 15. Ja­nu­ar 2016, SB150370, E. III.2.1.1.). Auch in wei­te­ren Ent­schei­den qua­li­fi­zier­te das Zür­cher Ober­ge­richt das An­spu­cken als Be­schimp­fung mit­tels Ge­bär­de (OGr, 2. Fe­bru­ar 2015, SB140491, E. II.5.2 [wo­bei aus dem Ent­scheid nicht er­sicht­lich ist, wo­hin der Be­schul­dig­te ge­spuckt hat]; OGr, 13. April 2010, SB090680, E. III.B.1 ff. [An­spu­cken des Beins]). Für die Qua­li­fi­ka­ti­on des An­spu­ckens als Be­schimp­fung mit­tels Ge­bär­de spricht sich denn auch die Leh­re aus (Franz Rik­lin in: Mar­cel Alex­an­der Nigg­li/Hans Wi­präch­ti­ger [Hrsg.], Bas­ler Kom­men­tar zum Straf­recht, Bd. II, 3. A., Ba­sel 2013 [Bas­ler Kom­men­tar Straf­recht II], Art. 177 N. 8).

Vor­lie­gend spuck­te der Be­schwer­de­geg­ner dem Po­li­zis­ten un­be­strit­te­ner­mas­sen nicht ins Ge­sicht, son­dern auf den be­klei­de­ten Ober­kör­per. Wäh­rend das Ge­sicht als be­son­ders emp­find­lich für ei­ne Spuckat­ta­cke er­scheint, ist das An­spu­cken des be­klei­de­ten Ober­kör­pers in­so­fern we­ni­ger gra­vie­rend, als da­bei zu­min­dest die Ge­fahr ei­ner mög­li­chen An­ste­ckung mit ei­ner Krank­heit ent­fällt. Dar­über hin­aus dürf­te die Spuckat­ta­cke auf den be­klei­de­ten Ober­kör­per ein we­ni­ger deut­li­ches Ekel­ge­fühl bzw. Miss­be­ha­gen aus­lö­sen als ei­ne Spuckat­ta­cke auf die blos­se Haut im Ge­sicht. Hin­zu kommt, dass der Be­schwer­de­geg­ner zum Zeit­punkt des Spuck­vor­falls ca. drei Me­ter vom Po­li­zis­ten ent­fernt stand. Min­des­tens ein ge­ziel­ter Tref­fer ist ent­ge­gen der An­sicht der Be­schwer­de­füh­re­rin aus die­ser Ent­fer­nung eher un­wahr­schein­lich und zu­fäl­lig. Der Be­schwer­de­geg­ner mach­te wäh­rend der Ein­ver­nah­me denn auch gel­tend, er ha­be den Po­li­zis­ten "nicht di­rekt tref­fen wol­len". Er ha­be ein­fach in sei­ne Rich­tung ge­spuckt. Im Ge­gen­satz zum Sach­ver­halt in dem von der Be­schwer­de­füh­re­rin zi­tier­ten Ur­teil des Zür­cher Ober­ge­richts (OGr, 16. Mai 2014, SB130278, E. VI.3.2) zeigt sich das ge­ziel­te Vor­ge­hen auch nicht im Er­geb­nis der Spuckat­ta­cke, wur­de der Po­li­zist doch nicht im Ge­sicht ge­trof­fen. Un­ter die­sen Um­stän­den und ge­stützt auf die oben zi­tier­te, ak­tu­el­le Recht­spre­chung des Zür­cher Ober­ge­richts ist des­halb ent­ge­gen dem Vor­brin­gen der Be­schwer­de­füh­re­rin nicht von ei­ner tät­li­chen Be­schimp­fung aus­zu­ge­hen, son­dern von ei­ner Be­schimp­fung durch Ge­bär­de. Dar­an än­dert nichts, dass in den Emp­feh­lun­gen der KKJPD das An­spu­cken als Tät­lich­keit qua­li­fi­ziert wird (Emp­feh­lun­gen der KKJPD, S. 4), han­delt es sich da­bei doch le­dig­lich um un­ver­bind­li­che Emp­feh­lun­gen zur Um­set­zung.

5.2 Im Fol­gen­den ist des­halb zu prü­fen, ob ei­ne Be­schimp­fung mit­tels Ge­bär­de ei­ne Ge­walt­tä­tig­keit im Sinn des Kon­kor­dats dar­stellt. Ei­ne Ge­walt­tä­tig­keit im Sinn des Kon­kor­dats liegt vor, wenn phy­si­sche Kraft ge­gen Per­so­nen oder Sa­chen ein­ge­setzt wird. Wie be­reits er­wähnt, sind da­von nicht nur schwe­re For­men von Ge­walt er­fasst, son­dern auch we­ni­ger schwer­wie­gen­de Über­tre­tun­gen, wie bei­spiels­wei­se Tät­lich­kei­ten (vor­ne E. 2.1). Auch wenn es sich beim An­spu­cken un­ter den vor­lie­gen­den Um­stän­den nicht um ei­ne Be­schimp­fung durch Tät­lich­keit han­delt, so stellt sie doch ei­ne phy­si­sche Ein­wir­kung auf den be­trof­fe­nen Po­li­zis­ten dar. Der Spuck­vor­fall war ge­eig­net, beim be­trof­fe­nen Po­li­zis­ten ein Miss­be­ha­gen aus­zu­lö­sen und da­mit auf des­sen kör­per­li­che In­te­gri­tät ein­zu­wir­ken. Da der Be­schwer­de­geg­ner aber nicht sehr ge­zielt vor­ging und der Po­li­zist nicht im emp­find­li­chen Be­reich des Ge­sichts, son­dern am be­klei­de­ten Ober­kör­per ge­trof­fen wur­de, ist nicht von ei­ner gra­vie­ren­den Kraft­ein­wir­kung aus­zu­ge­hen (vgl. oben E. 5.1). So­weit die Be­schwer­de­füh­re­rin gel­tend macht, die Tat sei aus ei­ner "ge­walt­be­rei­ten, zehn bis 15 Mann star­ken Fan­grup­pie­rung" her­aus er­folgt, ist zu be­rück­sich­ti­gen, dass der Be­schwer­de­geg­ner nach dem Spuck­vor­fall "von ei­nem sei­ner Kol­le­gen" bzw. "von an­de­ren Per­so­nen" der Fan­grup­pie­rung weg­ge­zo­gen wor­den sei. Es ist da­her nicht da­von aus­zu­ge­hen, dass das Ver­hal­ten des Be­schwer­de­geg­ners da­zu ge­eig­net war, zu ei­ner Es­ka­la­ti­on der Si­tua­ti­on zu füh­ren. Die an­we­sen­den Kol­le­gen des Be­schwer­de­geg­ners schei­nen viel­mehr de­es­ka­lie­rend ge­wirkt zu ha­ben. Vor die­sem Hin­ter­grund scheint die Tat nicht da­zu ge­eig­net, die fried­li­che Spiel­durch­füh­rung zu ge­fähr­den. Selbst wenn al­so der Spuck­vor­fall ei­ne Ge­walt­tä­tig­keit im Sinn des Kon­kor­dats dar­stel­len soll­te, ist nach dem Ge­sag­ten von ei­ner eher ge­ring­fü­gi­gen Wi­der­hand­lung aus­zu­ge­hen.

5.3 Der Vor­in­stanz ist zu­zu­stim­men, dass das Ver­hal­ten des Be­schwer­de­geg­ners ge­sell­schaft­lich nicht to­le­riert und straf­recht­lich re­le­vant ist. So wur­de er we­gen des Spuck­vor­falls auch straf­recht­lich be­langt. Dies führt aber nicht zwangs­läu­fig zu ei­ner Mass­nah­me nach dem Kon­kor­dat. Viel­mehr ist zu prü­fen, ob die An­ord­nung ei­ner Kon­kor­dats­mass­nah­me im vor­lie­gen­den Fall ver­hält­nis­mäs­sig ist.

Die Ak­ten lie­fern kei­ne An­halts­punk­te da­für, dass sich der Be­schwer­de­geg­ner an­läss­lich von Sport­ver­an­stal­tun­gen be­reits frü­her an ge­walt­tä­ti­gen Aus­schrei­tun­gen be­tei­ligt hät­te oder in an­de­rer Wei­se durch ge­walt­tä­ti­ges Ver­hal­ten auf­ge­fal­len wä­re. Die Be­haup­tung der Be­schwer­de­füh­re­rin, der Be­schwer­de­geg­ner sei be­reits an an­de­ren Fuss­ball­spie­len ne­ga­tiv auf­ge­fal­len, blieb un­sub­stan­zi­iert. Im­mer­hin er­kann­te die Be­schwer­de­füh­re­rin rich­tig, dass ge­gen den Be­schwer­de­geg­ner bis­lang kei­ne Mass­nah­me nach dem Kon­kor­dat an­ge­ord­net wur­de. Auch der Si­cher­heits­ver­ant­wort­li­che des FC Zü­rich führ­te in ei­nem Schrei­ben an die Rechts­ver­tre­te­rin des Be­schwer­de­geg­ners aus, dass die­ser ihm in der jün­ge­ren Ver­gan­gen­heit und ins­be­son­de­re in der Sai­son 2015/2016 nicht ne­ga­tiv auf­ge­fal­len sei. Viel­mehr sei er für die Si­cher­heits­ver­ant­wort­li­chen und die Fa­n­ar­bei­ter ei­ne "ko­ope­ra­ti­ve An­sprech­per­son zwecks Kom­mu­ni­ka­ti­on mit der Kur­ve und [hel­fe] re­gel­mäs­sig bei der De­es­ka­la­ti­on schwie­ri­ger Si­tua­tio­nen". Des Wei­te­ren ist auch das Ver­hal­ten des Be­schwer­de­geg­ners nach dem Spuck­vor­fall zu wür­di­gen. So ent­schul­dig­te er sich am Tag da­nach te­le­fo­nisch beim be­tref­fen­den Po­li­zis­ten. Aus den Ak­ten geht zu­dem her­vor, dass er sein Ver­hal­ten be­reut. Schliess­lich kann ihm das Ver­hal­ten ei­ner Grup­pe von ca. 20 noch un­be­kann­ten FCZ-Hoo­li­gans, die nur zehn Mi­nu­ten nach der Spuckat­ta­cke ei­ne Grup­pe Lu­ga­no-Fans an­ge­grif­fen ha­ben sol­len, nicht an­ge­las­tet wer­den. Vor die­sem Hin­ter­grund ist die Ge­fahr von er­neu­ten Ge­walt­tä­tig­kei­ten an­läss­lich ei­ner Sport­ver­an­stal­tung zwar nicht aus­zu­schlies­sen, je­doch als ge­ring ein­zu­stu­fen. Es be­steht des­halb nur ein ge­rin­ges öf­fent­li­ches In­ter­es­se dar­an, den Be­schwer­de­geg­ner künf­tig von Fuss­ball­spie­len des FC Zü­rich oder des Gras­shop­per Clubs Zü­rich fern­zu­hal­ten. Dem­ge­gen­über be­ein­träch­tigt das Rayon­ver­bot die Be­we­gungs­frei­heit des Be­schwer­de­geg­ners. Da­bei ist zu be­rück­sich­ti­gen, dass sich das an­ge­ord­ne­te Rayon­ver­bot nicht nur auf Spie­le des FC Zü­rich be­schränkt, son­dern auch Heim­spie­le des Gras­shop­per Clubs Zü­rich um­fasst. Hin­zu kommt, dass der Be­schwer­de­geg­ner di­rekt am Rand des Rayons B wohnt. An­ge­sichts der ge­rin­gen Ge­fahr ei­ner er­neu­ten Ge­walt­tä­tig­keit er­scheint das Rayon­ver­bot als we­sent­li­che Ein­schrän­kung sei­ner Be­we­gungs­frei­heit. Un­ter Be­rück­sich­ti­gung sämt­li­cher Um­stän­de er­weist sich das an­ge­ord­ne­te Rayon­ver­bot ge­gen­über dem Be­schwer­de­geg­ner als un­ver­hält­nis­mäs­sig. Der an­ge­foch­te­ne Ent­scheid ist dem­nach im Er­geb­nis nicht zu be­an­stan­den, wes­halb die Be­schwer­de ab­zu­wei­sen ist.

6.

Der Be­schwer­de­geg­ner rügt ei­ne Ver­let­zung sei­nes recht­li­chen Ge­hörs, weil er nicht die Mög­lich­keit hat­te, sich aus­ser­halb und vor­gän­gig zu ei­nem kos­ten­pflich­ti­gen Rechts­mit­tel­ver­fah­ren zur an­ge­droh­ten Mass­nah­me zu äus­sern.

6.1 Im vor­lie­gen­den Be­schwer­de­ver­fah­ren blieb un­be­strit­ten, dass das Ver­fah­ren vor der Be­schwer­de­füh­re­rin das recht­li­che Ge­hör des Be­schwer­de­geg­ners ver­letzt hat. Al­ler­dings kann ei­ne Ge­hörs­ver­let­zung un­ter be­stimm­ten Um­stän­den ge­heilt wer­den. Dies setzt vor­aus, dass die be­trof­fe­ne Per­son die Mög­lich­keit er­hält, sich vor ei­ner Rechts­mit­tel­in­stanz zu äus­sern, die in Be­zug auf die strit­ti­ge Fra­ge über ei­ne gleich wei­te Ko­gni­ti­on ver­fügt wie die Vor­in­stanz. Un­ter die­ser Vor­aus­set­zung ist auch bei ei­ner schwer­wie­gen­den Ge­hörs­ver­let­zung von ei­ner Rück­wei­sung der Sa­che an die Vor­in­stanz ab­zu­se­hen, wenn und so­weit die Rück­wei­sung zu ei­nem for­ma­lis­ti­schen Leer­lauf füh­ren wür­de (Alain Grif­fel, Kom­men­tar VRG, § 8 N. 38 mit wei­te­ren Hin­wei­sen).

6.2 Der Be­schwer­de­geg­ner hat­te im Rah­men des vor­in­stanz­li­chen Ver­fah­rens die Mög­lich­keit, sich vor ei­ner Rechts­mit­tel­in­stanz zu äus­sern, die in Be­zug auf die Fra­ge der Recht­mäs­sig­keit des Rayon­ver­bots die­sel­be Ko­gni­ti­on wie die Be­schwer­de­füh­re­rin hat. Hin­zu kommt, dass die An­trä­ge des Be­schwer­de­geg­ners so­wohl von der Vor­in­stanz als auch im vor­lie­gen­den Be­schwer­de­ver­fah­ren voll­um­fäng­lich ge­schützt wer­den und das Rayon­ver­bot auf­ge­ho­ben wird. Ei­ne Rück­wei­sung wür­de da­her von vor­ne­her­ein zu ei­nem for­ma­lis­ti­schen Leer­lauf füh­ren. All­fäl­li­ge Ver­let­zun­gen des recht­li­chen Ge­hörs des Be­schwer­de­geg­ners im Ver­fah­ren vor der Be­schwer­de­füh­re­rin sind des­halb als ge­heilt zu be­trach­ten.

7.

Aus­gangs­ge­mäss sind die Ge­richts­kos­ten der Be­schwer­de­füh­re­rin auf­zu­er­le­gen und ist ihr kei­ne Par­tei­en­schä­di­gung zu­zu­spre­chen (§ 65a Abs. 2 in Ver­bin­dung mit § 13 Abs. 2 Satz 1 und § 17 Abs. 2 VRG). Die Be­schwer­de­füh­re­rin ist ge­mäss § 17 Abs. 2 VRG zu ver­pflich­ten, dem ob­sie­gen­den Be­schwer­de­geg­ner ei­ne Par­tei­ent­schä­di­gung von Fr. 2'000.- (MWST in­be­grif­fen) für das Be­schwer­de­ver­fah­ren zu be­zah­len.

Dem­ge­mäss er­kennt der Ein­zel­rich­ter:

1. Die Be­schwer­de wird ab­ge­wie­sen.

2. Die Ge­richts­ge­bühr wird fest­ge­setzt auf Fr. 2'000.--;

die üb­ri­gen Kos­ten be­tra­gen:

Fr. 140.-- Zu­stell­kos­ten,

Fr. 2'140.-- To­tal der Kos­ten.

3. Die Ge­richts­kos­ten wer­den der Be­schwer­de­füh­re­rin auf­er­legt.

4. Die Be­schwer­de­füh­re­rin wird ver­pflich­tet, dem Be­schwer­de­geg­ner für das Be­schwer­de­ver­fah­ren ei­ne Par­tei­ent­schä­di­gung von ins­ge­samt Fr. 2'000.- (MWST in­be­grif­fen) zu be­zah­len, zahl­bar in­nert 30 Ta­gen ab Rechts­kraft die­ses Ur­teils.

5. Ge­gen die­ses Ur­teil kann Be­schwer­de in öf­fent­lich-recht­li­chen An­ge­le­gen­hei­ten nach Art. 82 ff. des Bun­des­ge­richts­ge­set­zes er­ho­ben wer­den. Die Be­schwer­de ist in­nert 30 Ta­gen, von der Zu­stel­lung an ge­rech­net, beim Bun­des­ge­richt, 1000 Lau­sanne 14, ein­zu­rei­chen.

6. Mit­tei­lung an …

 

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